Eutin : Petra Glueck will Opfern Mut machen

Die Autorin Petra Glueck will für das Thema K.O.-Tropfen sensibilisieren – und es entabuisieren.
Die Autorin Petra Glueck will für das Thema K.O.-Tropfen sensibilisieren – und es entabuisieren.

Im Buch „K.O.- No!“ geht sie offen mit ihrer Geschichte um – um aufzuklären

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22. November 2017, 00:49 Uhr

Wenn sie erzählt, hängen die Zuhörer an ihren Lippen – besonders, wenn es um ihre eigene Geschichte geht. Petra Glueck (55) schrieb gut 20 Jahre nachdem sie von drei ehemaligen Klassenkameraden vergewaltigt wurde, ihre Geschichte auf. Sie weiß, „die haben mir zwei Mal K.O.-Tropfen verabreicht“ – doch als sie das realisierte, war es zu spät. „Wie konnte ich mit so etwas auf einem Klassentreffen Jahre nach dem Abschluss rechnen?Ich hatte mich da sicher gefühlt“, sagt sie. Und genau das sei der Punkt, an dem sie ihren Zuhörern deutlich mache, „auch du kannst Opfer werden, ohne es zu merken, denn die meisten Fälle passieren im unmittelbaren sozialen Umfeld“.

Petra Glueck schwieg – wie so viele Opfer – aus Scham, wollte die Erinnerungen, die bruchstückhaft waren, verdrängen. Das schaffte sie fast zwei Jahrzehnte. Dann brachen sie und ihr Körper endgültig zusammen: Posttraumatische Belastungsstörung, Angstzustände. Ein Anruf beim Weißen Ring, seine schnelle Hilfe und die Vermittlung an einen Anwalt haben sie damals gerettet.

„Ich habe mich nicht mehr aus dem Haus getraut.“ Bis sie gemerkt hatte, dass dies den Auslöser in der Vergewaltigung unter K.O.-Tropfen hatte, sei es ein langer Weg gewesen. Erst habe sie ihre Erinnerungen und Gefühle nur für sich in der Therapie aufgeschrieben. Aber als es ihr besser ging, wollte sie mehr wissen, dachte sie doch bis dahin, sie sei ein Einzelfall. „Doch je tiefer ich anfing zu recherchieren, desto mehr merkte ich, wie viele Betroffene es gibt, wie viel unfassbar viele Opfer. Frauen, Männer und sogar Kinder. Das sind längst nicht nur die Disco-Besucher“, sagt Glueck. Eine Forensikerin in Kiel bestätigte ihr Bild. In Uni-Kliniken können Menschen in sogenannten Opferambulanzen sich anonym untersuchen lassen beispielsweise nach einer Vergewaltigung unter K.O.-Tropfen. Das heimtückische: „Während die Spuren der Vergewaltigung lange bleiben, sind K.O.-Tropfen nur wenige Stunden in Blut und Urin nachweisbar.“

Sie will die Menschen mit ihrer Geschichte nicht das Feiern vermiesen – „ich möchte informieren, damit im Fall der Fälle richtig gehandelt werden kann und ich möchte die Menschen sensibilisieren für das Thema“. Denn oft haben die Opfer das große Problem, dass der Verdacht von K.-O.-Tropfen kopfschüttelnd abgewertet und es mit zu hohem Alkoholkonsum abgetan werde. „Ich möchte den Opfern Mut machen, darüber zu sprechen, denn nur dann geht es einem irgendwann besser“, sagt Glueck. Und sie zeigte auch schon den Tätern, was diese eigentlich mit einer Vergewaltigung anrichten und las aus ihrem Buch in einer Justizvollzugsanstalt.

An ihren Tätern hat sich Glueck auf ihre ganz eigene Weise gerächt: Sie schrieb ein Thriller. „Natürlich mit geänderten Namen, aber mir hat es geholfen und ich habe mich gedanklich sehr damit beschäftigt, wie weit ein Opfer geht und wie weit es gehen darf.“ Einer sei gestorben, einer habe zwischenzeitlich wegen anderer Vergehen im Gefängnis gesessen und der dritte führe weiter das „Familienleben in der katholischen Kleinstadt in Niedersachsen von damals und geht jeden Sonntag brav in die Kirche“, sagt Glueck. Heute kann sie am Ende dieses Satzes lächeln, weil es so absurd klingt. Doch das war ein langer Weg.

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