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Ostholsteiner Anzeiger

19. Oktober 2017 | 07:44 Uhr

Peter Plötz darf nicht mehr in die Tropen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Zehn Einsätze in Krisen- und Katastrophengebieten, unzählige Hilfsgütertransporte in ganz Europa: Klaus-Peter Plötz aus Eutin-Neudorf tritt in Sachen Auslandseinsätze kürzer. Als THW-Chef bleibt er aber der Blaulicht-Familie erhalten.

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erstellt am 08.Okt.2015 | 13:37 Uhr

Ich lag mit Verdacht auf Hirnhautentzündung in einem Krankenhaus, das die Schweden betrieben. Im Bett neben mir war ein angeschossener UN-Soldat aus Nigeria, der stöhnte die ganze Zeit, da war an Schlafen nicht zu denken – da hab ich die halbe Nacht mit dem Personal Doppelkopf gespielt, und am nächsten Morgen wurde ich geheilt entlassen.“

Geschichten kann Klaus-Peter Plötz Tausende erzählen. Aber nur eine darüber, dass er bei einem seiner Auslandseinsätze einmal selbst krank geworden ist. Die vermeintliche Hirnhautentzündung war ein vergleichsweise harmloser Sonnenstich, ausgelöst durch eine unzureichende Kopfbedeckung.

Das Umfeld dieses Zwischenfalles war alles andere als harmlos: Es geschah 1993 in Mogadischu. Sechs Wochen war Klaus-Peter Plötz, von Beruf Rettungssanitäter der Johanniter Unfall-Hilfe (JUH), in dem ostafrikanischen Somalia im Einsatz. Es sollte sich im Nachhinein als der gefährlichste seiner insgesamt zehn großen Einsätze in Katastrophengebieten auf fast allen Kontinenten dieser Erde herausstellen: In Somalia nahm der Bürgerkrieg 1993 solche Formen an, dass die US-Streitkräfte nach der sogenannten Schlacht von Mogadischu fluchtartig das Land verließen. Nach Mogadischu würde er gerne noch einmal reisen, erzählt Klaus-Peter Plötz, wohl wissend, dass er dazu wegen der anhaltend chaotischen Verhältnisse in Somalia wenig Chancen haben wird. Seine Karriere als Einsatzhelfer in Tropengebieten ist beendet. Eigentlich wollte er im Herbst vergangenen Jahres während der Ebola-Epidemie nach Westafrika. Doch eine ärztliche Untersuchung brachte den Befund, dass sein Lungenvolumen halbiert ist – Folge einer Zwergfelllähmung.

„In Urlaub fahren darf ich noch, auch in die Tropen, hat mein Arzt gesagt, aber ein Einsatz wird nicht mehr genehmigt“. Klaus-Peter Plötz, der das offizielle Rentenalter 65 erreicht hat, ist nicht traurig darüber: „Ich bin dankbar dafür, was ich alles erleben durfte und heil überstanden habe.“ Mit Ausnahme von Australien und dem Südpol habe er alle Kontinente gesehen.

Die Karriere zum Johanniter-Sanitäter mit der umfangreichsten Auslandserfahrung begann mit dem Zusammenbruch des Ostblocks: Zwei Tage vor Heiligabend im Jahr 1989 startete Plötz als Fahrer eines Konvois mit medizinischen Hilfsgütern nach Rumänien. Dort gab es eine Revolution, die zur Hinrichtung des Diktators Nicolae Ceausescu am 25. Dezember führte.

Knapp vier Jahre später, von April bis Juni 1993, war Plötz in Mogadischu als Mitglied einer Einsatzgruppe des Technischen Hilfswerks (THW), mit dem er oft unterwegs war. Zu den Aufgaben der Helfer zählte die Instandsetzung eines Krankenhauses, Brunnenbau und ähnlich Versuche, Infrastruktur zu schaffen.

Es folgten zwei weitere Afrika-Einsätze nach blutigen Bürgerkriegen (im Herbst 1995 im Kongo und im Winter 1996 in Ruanda), bevor Plötz im März 1999 im Auftrag des Auswärtigen Amtes erstmals in ein Erdbebengebiet reiste: In San Salvador, die Hauptstadt des lateinamerikanischen Staates El Salvador, war er mit dem Aufbau eines OP-Containers und mit der Unterweisung des Personals beschäftigt. In Verbindung mit Balkan-Krieg kam es 1999 zu einer Reise nach Mazedonien, wo für Flüchtlinge aus dem Kosovo ein Lager aufgebaut wurde. Als Folge des legendären Hurrikans Katrina versank im Herbst 2005 die Millionenmetropole New Orleans in den Fluten – und Klaus-Peter Plötz kam im September gemeinsam mit dem THW zu einem Einsatz in die USA. Auch dort gab es unvergessliche Eindrücke: „Das war schon eine besondere Stimmung, wenn Du in einer Millionenstadt nur auf eine Handvoll Leute triffst.“

Ein starkes Erdbeben in der Himalaja-Region im Herbst 2005 holte Peter Plötz zu zwei Einsätzen nach Pakistan: Vom 6. Dezember 2005 bis 5. Januar 2006 half er in Nordwest-Pakistan beim Aufbau und dem Betrieb eines UN-Hilfskrankenhauses, und sieben Wochen später war er für drei Wochen noch einmal zur Einweisung von Personal dort. Der letzte große Einsatz war im Frühjahr 2010 nach einem verheerenden Erdbeben in dem karibischen Inselstaat Haiti.

Im Rückblick war Klaus-Peter Plötz irgendwie immer auch auf Achse: Als Fahrer von Hilfsgüter-Transporten war er zweimal nach Erdbeben in der Türkei, schätzungsweise zwölf Mal im Kosovo, außerdem in Rumänien, Bulgarien, im Baltikum und einmal auch in Königsberg – „ein einziges Mal bin ich nach Russland gekommen.“

1981 begannen regelmäßige Transportfahrten zu zwölf Sozialstationen, die von den Johannitern in den ehemaligen deutschen Ostgebieten aufgebaut und unterhalten wurden: Fast 25 Jahre lang gab es im Schnitt drei Fahrten von Ostholstein bis nach Ostpreußen, fast immer war Klaus-Peter Plötz dabei – der keine Ahnung hat, welche Zahl dabei herauskommt: „So 50 Mal bestimmt.“

Wer mit einem solchen Mann verheiratet ist, der muss turbulente Zeiten überstehen: Helga Plötz hat oft ihren Mann entbehrt, denn neben den vielen Fahrten und Reisen hatte er auch einen fordernden Job als Sanitäter auf dem Eutiner Rettungshubschrauber.

Plötz, in Malente aufgewachsen, gehörte dem Jugendrotkreuz an, machte eine Lehre als Kfz-Mechaniker, war vier Jahre bei der Bundeswehr in Idar-Oberstein, bevor er in dem neuen Beruf Rettungssanitäter in seine Heimat zurückkehrte: 1976 kam er ein paar Wochen nach der Stationierung des Hubschraubers „Christoph 12“ zum Team der Flugrettung. 32 Jahre, bis 2008, blieb er an Bord, absolvierte 10  500 Einsätze in 6800 Flugstunden. Allein diese Erlebnisse könnten Bücher füllen.

Als Rentner hat sich der Vater von drei erwachsenen Kindern und Opa von zwei Enkeln nicht in den Ruhestand begeben: Seit März 2013 ist er Ortsbeauftragter des THW in Eutin. Der Hilfsorganisation war er 1993 als Fördermitglied beigetreten. Vor dem Start seiner Auslandseinsätze war Plötz auch aktives Mitglied der Freiwillgen Feuerwehr Eutin.

Seinen umfangreichen Erfahrungsschatz gibt Plötz auch als Ausbilder am THW-Ausbildungszentrum Ahrweiler weiter. Dazu gehört die Erkenntnis, dass gute Planung eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiches Arbeiten wie für ein harmonisches Familienleben ist: „Aus dem Ruanda-Einsatz 1996 bin ich einen Tag vor unserer Silberhochzeit zurückgekommen. Meine Schwiegermutter hat ja gesagt, ich sei verrückt, aber es hat einwandfrei geklappt. Es war eine schöne Feier.“

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