Per Rad ans Schwarze Meer

Rund 3000 Kilometer will Peter Wangelin mit seinem umgebauten Mountain-Bike abspulen, bis er am Ziel ist.
Rund 3000 Kilometer will Peter Wangelin mit seinem umgebauten Mountain-Bike abspulen, bis er am Ziel ist.

Seit 2008 tourt der Eutiner Peter Wangelin auf dem Velo durch Europa – im Juni will der Tausendsassa nach Rumänien aufbrechen

shz.de von
14. Mai 2015, 12:35 Uhr

„Die wissen nicht, dass Leben Bewegung ist“, sagt Peter Wangelin über seine Altersgenossen. Der gebürtige Hamburger, der in seinem Leben schon alles Mögliche gemacht hat, ist jetzt 70 Jahre alt. 2007 machte er sein Grill-Café „Die Wache“ in Großenbrode dicht, verkaufte Hab und Gut und schwang sich aufs Fahrrad.

Seitdem ist er in Europa unterwegs, fast immer allein, weil er noch niemanden gefunden hat, der so tickt wie er. Seine erste Tour führte ihn 2008 nach Paris, im selben Jahr war er auch in Brüssel. 2009 radelte er von Dresden nach Hamburg, 2010 schaffte er es bis nach Palermo, Sizilien. 28 Tage war der Mann mit den großen, kräftigen Händen da unterwegs, legte fast 3000 Kilometer zurück, indem er in die Pedale trat. Stockholm, München und die Schleswig-Holsteinischen Küsten waren in den nächsten Jahren dran.

Jetzt hat sich Wangelin, der seit knapp drei Jahren in Eutin lebt, ein neues Ziel gesetzt. Es soll ans Schwarze Meer gehen, in die rumänische 70  000-Einwohnerstadt Tulcea, gelegen am Donau-Delta. Der Start ist für das zweite Juni-Wochenende geplant, von Regensburg aus, wo er noch jemandem einen Besuch abstatten will. Die Route führt dann über Passau, Wien, Belgrad und Budapest. Ganz allein wird der ehemalige Porsche-Fahrer diesmal allerdings doch nicht sein. Ein Schulfreund wird ihn begleiten. Der ist aber im Auto samt Wohnwagen und zwei Hunden unterwegs. Alle zwei bis drei Tage wollen die beiden sich treffen.

Ein Hang zum Abenteuer lässt sich im Leben des Tausendsassas Peter Wangelin nicht verleugnen. In jungen Jahren gründete der gelernte Werkzeugmacher eine Spezialtransport-Firma für Funk, Film und Fernsehen, für das er auch als Stuntman, etwa die ZDF-Serie „Die Melchiors“, im Einsatz war. Sechs Fahrzeuge hatte er, die auch für den Otto-Versand auf Tour waren. Neben Katalogen transportierte er vor allem Waren, die fotografisch in Szene gesetzt werden sollten. Nebenbei brachte es der Hamburger als Schlagzeuger bis zu Auftritten im legendären Star-Club auf dem Hamburger Kiez. „Ich weiß gar nicht, wie ich das alles geschafft habe“, staunt Wangelin heute.

Mitte der 80er Jahre verkaufte er seine Spedition, erwarb einen Schiffsrumpf, baute diesen aus und schipperte samt seiner ersten Frau und zwei kleinen Kindern zwei Jahre lang auf den europäischen Meeren umher. Anschließend wollte der leidenschaftliche Koch in Hamburg eigentlich ein Fischgeschäft eröffnen. Doch es kam anders, als er übergangsweise zwei Fahrräder ins Schaufenster stellte: „Die waren innerhalb von zehn Minuten verkauft“, erinnert sich Wangelin. Also gründete er ein Fahrradgeschäft.

Nach drei Jahren war ihm das jedoch zu stressig: Er kaufte einen Bauernhof in Schipphorst bei Trittau und züchtete Gänse. Doch nicht allzu lang. Sein Geld verdiente der fünffache Vater danach mit dem Bau von Häusern, zwischendurch zog es ihn immer wieder aufs Meer. Zweimal segelte er durch die Biskaya, die für starke Stürme und extremen Seegang bekannt ist: „Das war schon heftig“, erinnert sich der Abenteurer. Aber er ließ sich voller Absicht auf das Wagnis ein: „Ich wollte mal sehen, wie das mit der Psyche ist.“ Zuvor seien dort drei Segelyachten gesunken.

Existenzielle Erfahrungen sammelte Wangelin auch auf dem Rad, aber auf auf ganz andere Art: Beim Frühstücken auf einem Campingplatz an der Lahn seien ihm 2008 plötzlich die Tränen gekommen: „Vor Freude, vor Glück, dass ich das alles noch machen kann“, sagt er. Das sei eine Erkenntnis von Demut gewesen. Schon als Jugendlicher habe er sich sein Leben im Rentenalter so vorgestellt: „Frei wie ein Vogel.“

Wie auf seinen vorigen Touren wird der Radler auch dieses Mal wieder auf der Iso-Matte im Zelt schlafen. „Das erdet einen.“ Nur in Rumänien werde er wohl in Pensionen gehen, wegen der vielen wilden Hunde. Um sich derer im Notfall zu erwehren, ist auch Pfefferspray im Gepäck. Bedrohliche Situationen hat Wangelin unterwegs so gut wie nie erlebt, höchstens mal einen schlecht gelaunten Franzosen. Mit einer Ausnahme: „Das einzige Mal, wo ich Ärger hatte, war in Münster.“ Zwei „Hooligans“ hätten Stunk gesucht und seien fast auf ihn losgegangen. Sonst habe er viele nette und hilfsbereite Menschen getroffen.

Bei der Wahl des Drahtesels regiert Bescheidenheit: „Das Fahrrad hab ich mir mal für fünf Euro gekauft.“ Es handelt sich um ein Mountainbike mit 21-Gängen, zum Tourenrad umgebaut. Ein Eutiner Fahrradhändler spendiert noch zwei neue Reifen und das eine oder andere Ersatzteil. Zwei Packtaschen müssen reichen: „Früher hab ich immer zu viel mitgeschleppt. Jetzt nehm
ich nur das nötigste mit.“ Wechselwäsche, Ölzeug, Zelt, Schlafsack, Iso-Matte, etwas Werkzeug und Ersatzteile – und einen Kompass. So gerüstet hofft Peter Wangelin rund 3000 Kilometer bis ans Schwarze Meer zu schaffen. Mitte Juli will er am Ziel sein. Zurück geht es dann mit dem Auto.

Wer Lust hat, Peter Wangelin auf seiner Tour nach Rumänien zu begleiten, kann sich bei ihm melden. Er ist unter Telefon 0159/03079472 zu erreichen.

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