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Fit fürs Leben : „Pausen steigern Qualität der Arbeit“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Es liegt auch an einem selbst, der Gefahr des Burn out erfolgreich zu begegnen. OHA-Interview mit dem Coach Dr. Johannes Schneider.

shz.de von
erstellt am 19.Okt.2013 | 00:33 Uhr

„Lustvoll leben und arbeiten“ – mit dieser verheißungsvollen Überschrift hielt der Mediziner und Psychotherapeut Dr. Johannes Schneider (62) in der sh:z-Reihe "Fit fürs Leben" einen öffentlichen Erlebnisvortrag im Rittersaal der Fielmann Akademie Schloss Plön. Der Referent ist Experte für die Prävention tief greifender Überlastungsgefühle am Arbeitsplatz, hat gerade ein Buch mit dem Titel „Burn out vorbeugen und heilen“ veröffentlicht. Zu dem Thema führte OHA-Redakteur Hartmut Buhmann mit Johannes Schneider folgendes Interview.

OHA: Jeder Arbeitnehmer träumt davon, mit guter Laune „werktätig“ zu sein. Aber die Realität sieht meistens anders aus. Warum?

Johannes Schneider: Weil persönliche und arbeitsumgebungsbedingte Hindernisse vorliegen, die jemand nicht auflöst. Die Hindernisse sind sehr vielfältig, einerseits individuell angelegt, andererseits strukturell bedingt. Dazu gehören angelernte eigene Denk- und Verhaltensgewohnheiten, die Über- oder Unterforderung, fehlende eindeutige und transparente Führung, unklare Rollen, fehlender Handlungs- und Entscheidungsspielraum, fehlende Wertschätzung, fehlende Berufsaussichten am Arbeitsplatz. Ich könnte noch mehr nennen ...

Danke, schon klar. Nächste Frage: Wenn ich mich bemühe, durch Pausen zur rechten Zeit meine Arbeitsbelastung erträglich zu gestalten, kollidiere ich vielleicht mit dem Leistungsdruck in meiner Firma. Wie verteidige ich meinen Anspruch auf einen mir wohltuend gemäßen Arbeitsrhythmus?
Sie machen sich selbst und, wenn möglich, Ihrem Gegenüber bewusst, dass die Pausen dazu beitragen, dass Sie langfristig gesund und erfolgreich arbeiten. Und dass alle Beteiligten davon profitieren. Sie erholen sich nicht nur, sondern werden durch die Pausen noch besser, da sie einen notwendigen Abstand gewinnen und kreative Ideen entwickeln. Pausen steigern die Qualität der Arbeit, es kommt mehr dabei heraus.

Die protestantische Ethik hierzulande verlangt, dass wir uns für unser Seelenheil auf Erden hart anstrengen müssen. Ist der sprichwörtliche Fleiß der Deutschen ein Grund dafür, dass wir die Arbeit höher schätzen als Gesundheit und Lebensfreude?
Ja ganz bestimmt! Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot essen – das wurde und wird auch noch heute gepredigt. Viele Menschen, die sich nicht zutrauen, ein eigenes Urteil zu bilden, befolgen unbewusst unterwürfig diese Moral. Jedoch haben viele Menschen schon selbst festgestellt, dass Fleiß nicht Mühsal bedeuten muss, sondern mit Spaß und Lust verbunden sein kann. Und dass die Ergebnisse dann sogar wesentlich anders und besser sind.

Viele Menschen übergehen die Signale, die ihnen der Körper bei Arbeitsüberlastung sendet. Wie kann man die eigenen Sinne dafür schärfen?
Durch Innehalten, Pausen, Ausatmen, Hinspüren, sich mit anderen austauschen, Erfolge feiern! Mit Erinnerungshilfen durch Mitarbeiter, den Computer, Lektüre, wenn Sie gerne lesen! Dadurch, dass Sie Ihrem Privatleben einen wichtigen Stellenwert einräumen und es genau so ernst nehmen wie die Erwerbstätigkeit. Wenn Sie sich dort spüren, können Sie sich auch in der Arbeit spüren und dies übertragen.

Burn out, also das Ausgebrannt sein von zu viel Arbeit und zu wenig Selbstgefühl, gilt oft als die gesellschaftlich akzeptierte Begriffsummantelung für eine depressive Erkrankung. Stimmt das?
Aus meiner Sicht versuchen manche Arbeitgeber und Ärzteverbände, den Burn out, der klar wissenschaftlich dargestellt wurde, mit Depression zu ummanteln, um menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen nicht ins Auge blicken zu müssen.

Was sind die Merkmale für Burn out und Depression?

Das sind zwei Paar verschiedene Stiefel, allerdings kann jemand über einen Burn out in eine Depression schlittern. Mit Burn out bezeichnen wir die Kombination aus massiver emotionaler Erschöpfung, einem Widerwillen gegen die Arbeit bei gleichzeitigem Wunsch oder Pflichtgefühl, die Arbeit zu schaffen und einem Gefühl innerer Leere und Sinnlosigkeit bei einem Mehr an Arbeitsaufwand und weniger Leistung. Als Depression bezeichnen wir die Trias aus einem anhaltenden Verlust der allgemeinen Lebensfreude, der Motivation und des Antriebs, einem anhaltenden allgemeinen Verlust des Selbstwertgefühls mit Selbstvorwürfen oder Schuldgefühlen und Selbsttötungsgedanken.

Was sollten Betroffene tun?

 Burn out und Depression kommen auch gemeinsam vor. Betroffene sollten mit anderen Menschen sprechen und auch professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, wenn sie mit dem Gespräch nicht weiter kommen.
 

Rund um die Uhr für den Arbeitsgeber verfügbar zu sein ist der Fluch der modernen Kommunikationsmedien. Halten Sie es für tiefe Einsicht, wenn ein deutsches Welt-Unternehmen wie VW den innerbetrieblichen Mailverkehr zeitlich begrenzt? Oder ist es nur ein Marketing-Gag, um nach außen wertschätzende Menschenführung zu symbolisieren?

Es kann beides sein. Wichtig ist wirklich die Medien bewusst und gezielt einzusetzen und individuelle und betrieblich stimmige Umgangsformen zu entwickeln. Das Praktische an den Medien ist ja, dass sie viel können und dass wir sie gezielt einsetzen, ein- und ausschalten können. Es ist der Mensch, der bestimmt, was die Medien machen!

Sie sind als Coach für Unternehmen tätig. Wie werden Ihre Ratschläge für die Burn out Prävention dort aufgenommen?
Ratschläge werden nie aufgenommen! Wenn ich mich wirklich für das Unternehmen und die Menschen interessiere und den Menschen beistehe, für sie passende Lösungen an ganz konkreten Beispielen zu entwickeln, entwickeln diese Menschen das. Ich helfe ihnen mit meiner Erfahrung, hinzuspüren, nachzudenken, Einschätzungen vorzunehmen, sich für passende Handlungen zu entscheiden und dies konsequent durchzuführen. Das unterscheidet meine Arbeit von vielen Unternehmensberatern.

Hatten es unsere Eltern und Großeltern besser, die körperlich härter, aber mit weniger globaler Konkurrenz und Leistungsverdichtung arbeiteten? Ich erinnere mich, dass früher viel öfter in Betrieben gefeiert wurde – das passiert doch heute nur alle Jubeljahre, und dann muss es gleich eine Feier vom Feinsten sein.
Das könnte man schon so sehen. Und doch hatten die Vorfahren es oft körperlich noch härter. Aus meiner Sicht bleibt das Gemeinsame bei unseren Vätern und Müttern und uns heute die Unterwerfung unter Mächtige, unter Arbeitsmythen von Mühe und Qual, die falsche Angst vor Lust und Freude, also eine eigene Unselbständigkeit. Ich wünsche mir, viele Menschen könnten ihr Leben und ihre Arbeit feiern.
 

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