Ostseestrand statt Katzheide?

Eine der letzten Aktionen in Katzheide: Im Juli 2014 lief eine Qualifikation zur 1. Europameisterschaft im Badewannen-Rennen.
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Eine der letzten Aktionen in Katzheide: Im Juli 2014 lief eine Qualifikation zur 1. Europameisterschaft im Badewannen-Rennen.

Nach dem Aus für das Freibad in Gaarden empfiehlt die Stadt bis zur Eröffnung des neuen Kombibades Schwimmern das Bad im Meer

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02. Januar 2015, 16:14 Uhr

Die grünen Plakate hängen überall: in Dönerbuden, im Drogeriemarkt, in der Apotheke. „Katzheide muss bleiben“, heißt es darauf. Gemeint ist das Freibad auf dem Kieler Ostufer, das in der kommenden Saison völlig überraschend nicht wieder geöffnet werden soll. Damit ist Kiel künftig die einzige deutsche Großstadt ohne Freibad. Die Instandsetzung der Folie im 50-Meter-Becken und die Modernisierung der Wasseraufbereitung schlage mit 750  000 Euro zu Buche. Das sei für die Stadt nicht zu wuppen, beschloss die rotgrünblaue Rathauskooperation. Kein Beinbruch, findet SPD-Sozialdezernent Gerwin Stöcken, in zwei Jahren werde ja das neue Kombibad eröffnet.

Dumm nur, dass den 245  000 Kielern vorher hoch und heilig versprochen wurde, das Freibad sowie das marode Hallenbad – beide im Problemstadtteil Gaarden – erst dann zu schließen, wenn dieser Neubau fertig ist. Daran erinnert immer wieder der Ortsbeiratvorsitzende Bruno Levtzow. Für das geplante Kombibad wurde zudem der erste Spatenstich noch gar nicht vollzogen – und die Kosten laufen schon jetzt aus dem Ruder. Geplant wurde ursprünglich mit 17 Millionen Euro, jetzt ist von fast 27 Millionen die Rede. „Alles unproblematisch“, melden die Verantwortlichen: Die Finanzierung sei gesichert, zumal das Land seinen Zuschuss von drei auf vier Millionen Euro erhöhe.

Nun könnte man wie Stöcken damit argumentieren, dass die Kieler die Ostsee doch vor der Haustür haben. Sie sollen dort ins Wasser springen. Doch nicht nur für passionierte Schwimmer, die täglich ihre Bahnen ziehen, ist das keine Alternative. Probleme mit der Badewasserqualität, mit Quallen und Algen sowie die lückenhafte Aufsicht machen ein Freibad für viele unentbehrlich. Auch die Kirchengemeinden in Gaarden fordern schon lange, das Sommerbad Katzheide zu erhalten: „Für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche hat das Bad eine hohe Bedeutung“, heißt es. Wer an einem warmen Sommertag die Menschenscharen sehe, die mit Kinderwagen und Picknickkorb ins Freibad ziehen, der wisse, wie gelebte Integration aussehe. Besonders für die Familien, die aus Kostengründen auf kurze Wege angewiesen seien, sei das Bad wichtig.

Tatsächlich leben im direkten Umfeld des 16 Hektar großen Areals mit großen Liegewiesen, drei Wasserflächen und Spielplätzen in Waldrandnähe tausende Sozialhilfeempfänger in Billigstwohnungen ohne Balkon und Auslauf. Für sie ist das Schwimmbad im Sommer Garten und Naherholungsgebiet. Das kann das neue Bad mit Mini-Pool und Minifreifläche kaum bieten.

Doch davon lässt sich die Stadt nicht umstimmen. Jede Eintrittskarte in Katzheide werde mit etwa 8,80 Euro subventioniert (Bei jeder Theaterkarte legt der Staat 95 Euro drauf). Der jährliche Betriebskostenzuschuss von 300  000 bis 400  000 Euro mache es unumgänglich, „die Reißleine zu ziehen“. Auch aufgrund der klimatischen Bedingungen in Norddeutschland stelle sich ohnehin die Frage, „ob ein beheiztes Freibad vor dem Hintergrund der Energie- und Ökobilanz überhaupt noch sinnvoll ist“, sagt Gerwin Stöcken. Zumal die Besucherzahlen selbst im Supersommer 2014 weiter gesunken seien auf zuletzt knapp 34  000. Selbst an Spitzentagen seien nur 1700 Badegäste, gekommen argumentiert die Stadt.

Kein Wunder, meint hingegen ein Kritiker der Rathauspolitik, der anonym bleiben will: „Man lässt das Bad systematisch vergammeln, in der Hoffnung, dass sich das Thema von selbst erledigt: Die Duschen funktionieren nicht, die Farbe bröckelt, das ist nicht einladend, sondern abstoßend“. Statt in den Bestand zu investieren, baue man lieber für Millionen was Neues. „Ob Hartz-IV-Familien das Geld für die mit Sicherheit höheren Eintrittsgelder im Neubau haben, ist der Politik offenbar egal“, kritisiert er.

In der Tat ist Katzheide nicht das einzige Bad, das in Kiel verkommen ist. Zuletzt wurde dem denkmalgeschützten Lessingbad – ein architektonisches Juwel in zentraler Lage mit ehemals hoher Besucherfrequenz – der Stöpsel gezogen. Dort, wo einst Kinder Schwimmen lernten und sich Senioren fit hielten, durften sich zuletzt Künstler und Eventagenturen im Becken ohne Wasser bei VIP-Partys austoben. Nun wird es zu einer Turnhalle umgebaut. Auch die Seebadeanstalt Düsternbrook ist die Kommune los. Sie wurde an einen Gastronom verpachtet, der daraus einen Location für Cocktailtrinkende Hipster machte. „Unter deren spöttischen Augen traut sich doch keiner mehr ins Wasser“, erklärt ein älterer Stammgast.

Schon lange zweifelten Kritiker die vom Rathaus vorgelegten Zahlen an und rechneten vor, dass die Instandsetzung der bestehenden Bäder billiger käme als der Bau eines neuen Kombibades. Auch der Steuerzahlerbund bezeichnete die Neubaubefürworter als „Märchenerzähler“, die durch Fakten längst widerlegt worden seien. Selbst die massive Kostensteigerung habe an der „Milchmädchenrechnung“ der Kieler Politik nichts geändert, beklagt der Steuerzahlerbund.

> In seiner ersten Sitzung im neuen Jahr beschäftigt sich der städtische Bauausschuss am kommenden Donnerstag mit Katzheide.

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