Eutin : Oma und Tante beklaut,„weil es mein Hartz IV war“

Nur eine beschränkte Zahl an Besuchern hat in Zeiten von Corona Platz im Saal des Eutiner Amtsgerichtes.
Nur eine beschränkte Zahl an Besuchern hat in Zeiten von Corona Platz im Saal des Eutiner Amtsgerichtes.

Zehn Monate Jugendarrest: 21-Jähriger isteinschlägig vorbestraft, Schöffengericht gibt ihm die letzte Chance

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20. April 2020, 21:01 Uhr

Eutin | „Bitte achten Sie auf den Mindestabstabstand zwischeneinander“, sagt Amtsgerichtsdirektorin Anja Farries als sie durch die wartenden Besucher und Zeugen zum Saal A läuft. Dort stehen nur zwölf Stühle, wo sonst gut 40 Besucher Platz haben – alle in großem Abstand. Wer hier in diesen Tagen sitzt, hat an der Wache zuvor einen Zettel ausgefüllt mit seiner Anschrift, seinem Grund des Besuchs und zu seiner Gesundheit. Das ist Pflicht in Zeiten von Corona.

Sein Leben geriet früh aus den Fugen

An der Anklagebank nimmt an diesem Montagmorgen ein junger Mann (21) Platz, der optisch verblüffende Ähnlichkeit mit dem Macaulay Culkin, dem Hauptdarsteller von „Kevin allein Zuhaus“, hat. Auf den ersten Blick wirkt der 21-Jährige genauso kindlich-sympathisch wie die bekannte Charakterrolle. Doch im Laufe des Prozesses vor dem Eutiner Amtsgericht wird deutlich, dass er anders als „Kevin“ im Film, in seiner Kindheit vermutlich nicht viel zu lachen hatte. Sein Leben war früh aus den Fugen geraten.

Als obdachloser Jugendlicher schlief er in Strandkörben oder Bushaltestellen

Zum alkoholabhängigen Vater hatte er nach der Trennung der Mutter jahrelang keinen Kontakt. Seine Mutter setzte ihn mit 15 vor die Tür, weil es trotz Hilfen und Unterstützungen vom Jugendamt kein gemeinsames Auskommen gab. Er schlief in Strandkörben in Timmendorf oder in Bushaltestellen in Lübeck. Er nahm Drogen, fehlte in der Schule, wurde früh straffällig, verbüßte sogar einen Monat im Jugendarrest. „Aber offenbar hinterließ das bei Ihnen keinen Eindruck“, sagte Richterin Farries, denn sie leitete gestern die Jugendschöffengerichtsverhandlung, weil er seine Oma und seine Tante beklaute, die ihn aufgenommen hatten, als er obdachlos vor deren Tür in Ahrensbök stand Ende 2018.

Er klaute Geld von seiner Oma und seiner Tante

Dreimal soll er Geld mit der von Oma geklauten EC-Karte abgehoben haben, zusammen etwas mehr als 220 Euro. Außerdem hatte er seiner Oma ein Glas voll Zwei-Euro-Münzen gestohlen. Bei seiner Tante, die im Erdgeschoss wohnte, brach er mittels Hundeklappe ein. Er angelte sich durch die Luke den Haustürschlüssel, schloss auf und brach die Wohnzimmertür auf, um dort Geld aus der Börse zu nehmen. Die Höhe differiert: Er habe nicht mehr als 255 Euro genommen; die Tante will sich vor Gericht an mehr als 1000 Euro erinnern.

Warum? Weil es „mein“ Hartz IV war

„Warum haben Sie das gemacht? Warum sind Sie in Wohnungen eingebrochen für Geld? War da ein Suchtdruck dahinter?“, will die Richterin mehrfach wissen. Der 21-Jährige gibt eigentlich immer die gleiche Antwort: Das Geld habe ihm zugestanden, es sei schließlich sein Hartz IV gewesen. Und er habe sich Klamotten kaufen wollen. „Ich hatte nichts, als ich bei meinem Vater ankam“, sagt er.

Sein Vater, mittlerweile über 50, wohnt bei seiner Mutter, der Oma des Angeklagten. Die Tante, der das Haus gehört, hat mit dem 21-Jährigen einen Mietvertrag geschlossen über etwas mehr als 600 Euro. Weil der Angeklagte wegen mehrerer Handyverträge verschuldet sei und kein eigenes Konto habe, wurde die Hartz-IV-Summe auf das Konto des Vaters überwiesen, der das Geld der Tante zum Wegschließen gab, weil er offenbar selbst ein Suchtproblem habe, wie der Angeklagte sagte.

Sein Verteidiger arbeitet vor Gericht heraus, dass sein Mandant zwar für eine Wohnung Wohngeld bekomme, aber nur in einem Zimmer lebe und auch die 429 Euro Hartz IV von Vater und Oma einbehalten wurden mit dem Vorwand „Das brauchen wir fürs Essen“. Auf den Nebenschauplatz eines möglichen Betrugs bei der Beziehung staatlicher Leistungen wollte sich die Richterin nicht einlassen. „Wir sind hier im Strafverfahren, weil Sie gestohlen und eingebrochen haben.“ Mehrfach versuchte Farries in den drei Stunden Verhandlung deutlich zu machen, dass dem Angeklagten gar nicht so viel zustehe, wie er glaube, wenn er kostenlos wohnte, Wäsche gewaschen bekam und Geld in der Spielothek verlor.

Einschlägig vorbestraft – aber er wolle sein Leben jetzt ändern

„Wenn Sie im Monat rund 240 Euro in der Spielothek verspielen, Wäsche gewaschen und Essen und Trinken umsonst bekommen, dann bleibt da nicht mehr so viel übrig von ihren 400 Euro, wie sie denken“, rechnete Farries dem 21-Jährigen vor.

Sein Leben, das machte der Angeklagte deutlich, wolle er ändern und habe dafür gerade die besten Voraussetzungen: Er lebe bei den Eltern seiner Freundin, ist zu ihnen nach Hessen gezogen und steht kurz vorm Nachholen der Hauptschulprüfung. Er wolle eine Ausbildung machen, sich ändern. Seine Blicke gehen dabei immer zu seiner Freundin im Besucherraum. Die Sozialprognose, das sagte auch die Jugendgerichtshilfe, scheine mit Blick darauf besser zu sein, als die anderen Male. Aufgrund des Entwicklungsverzuges und der Gegebenheiten zur Tatzeit spreche alles für Jugendstrafrecht, befanden die Beteiligten. „Erwachsenen drohe pro Wohnungseinbruchsdiebstahl zwischen einem und zehn Jahren Haft“, verdeutlichte Farries dem Angeklagten, der gleich mehrfach eingebrochen habe.

Schöffengericht gibt 21-Jährigen die letzte Chance

Das Jugendschöffengericht gab dem 21-Jährigen aber schließlich eine letzte Chance: Es verurteilte ihn zu zehn Monaten Jugendgefängnis, stellte die Strafe aber zur Bewährung auf drei Jahre aus – unter anderem mit der Auflage den Abschluss zu machen. „Es liegt an Ihnen, ob sie ins Gefängnis gehen oder es schaffen. Es ist vieles schlecht gelaufen bei Ihnen. Aber darauf können Sie sich nicht ausruhen. Sie allein sind für sich verantwortlich.“

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