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Ostholsteiner Anzeiger

16. Dezember 2017 | 14:39 Uhr

Eutin : Ohne Schutzanzug geht gar nichts

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Hausschwamm und Giftstoffe aus Holzschutzanstrichen erschweren die Sanierungsarbeiten im Altbau der Weber-Schule beträchtlich

von
erstellt am 12.Mai.2014 | 14:52 Uhr

„Durchgang für Schüler verboten“ steht groß geschrieben an der Tür, die vom Schulhof in den Altbau des Weber-Gymnasiums führt. Dort findet seit langem kein Unterricht mehr statt, sondern haben Handwerker das Sagen, und das seit Januar unter erschwerten Bedingungen: Nur in Schutzkleidung, penibel mit Handschuhen und Atemmaske ausgerüstet, dürfen Maurer und Zimmerer im Dachbereich hämmern, bohren und Steine abklopfen.

Diese Vorsichtsmaßnahmen hat das in Seedorf ansässige Ingenieurbüro für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz angeordnet. Es wurde von der Stadtverwaltung eingeschaltet, nachdem im Zuge der Umbauarbeiten in dem 180 Jahre alten Schulgebäude in der ungenutzten Dachetage erst ausgedehnter Schwammbefall, dann auch giftige Partikel von mittlerweile verbotenen Holzschutzmitteln nachgewiesen worden waren.

Die Beseitigung von Schwamm ist unumgänglich, kostet Zeit und Geld. Rund 500 000 Euro veranschlagt Architekt Svend Nickel vom Stadtbauamt jetzt allein dafür, bei mittlerweile geplant 2,6 Millionen Euro Gesamtkosten für den Umgestaltung des Weber-Altbaus.

Noch stärker aber hemmt die eindeutig gesundheitsgefährdende Menge an Schadstoffen aus Holzschutzanstrichen unterm Dach das Vorankommen. Denn um dem Schwamm zu Leibe zu rücken, muss hier im Gebälk gesägt, dort Putz abgeschlagen werden. Wobei unvermeidlich die Giftstoffe wie das berüchtigte Lindan aufgewirbelt werden. Damit aber diese Partikel nicht von den Arbeitern eingeatmet oder mit der Kleidung in andere Räume getragen werden, ist ein entsprechender Körperschutz und auch eine sichere Abtrennung des Gefahrenbereiches vom Rest der Baustelle erforderlich.

Die Schutzmontur müssen alle anlegen, die aus beruflichen Gründen auf den Dachboden wollen, vom Statiker bis zum Mitarbeiter der kommunalen Bauverwaltung oder einem neugierigen Lokalredakteur. Bevor es über eine provisorische Leiter nach ganz oben unters Dach geht, sind mehrere Schleusenräume zu passieren. Sie sind mit Reißverschlüssen zu öffnen und zu versperren, eingelassen in Plastikbahnen, mit denen ein Bereich an der Aula sorgsam abgeklebt ist.

Vollgestellt mit Gerüsten, Stahlstützen und Baumaterialien, ist kaum noch etwas von der historischen Ehrwürdigkeit der Aula zu ahnen. Zimmerermeister Mark Brüß deutet auf die neuen Deckenbalken: Die alte Konstruktion habe schon sechs Zentimeter durchgehangen, eine Folge auch des Pilzfraßes an tragenden Teilen im Gebäude.

Mit Schwamm im Gebälk habe man aufgrund entsprechender Spuren schon gerechnet. Aber dieser Befund habe sich dann bei den Proben, die der herbeigerufene Schwamm-Experte Manfred Eichhorn an Holz und Mauerwerk nahm, erheblich erweitert, sagt Diplom-Ingenieurin Tanja Meier.

Sie lenkt für das Architekturbüro Bielke und Struve die Brandschutz- und Sanierungsarbeiten an der Weber-Schule. Und hat mittlerweile alle Zeitpläne verlängert: „Die ursprüngliche Planung, dass der Altbau nach den Herbstferien wieder für die Schule frei ist, wird sich nicht halten lassen.“ Svend Nickel wagt eine Voraussage: „Vielleicht klappt es doch noch bis zum Jahresende.“

Auf dem Dachboden ist dann im Detail zu sehen, wie aufwendig die Sanierung ist. Da die Denkmalpflege Wert auf den Erhalt alter Konstruktionsmerkmale legt, musste sich Statiker Dirk Repenning zusammen mit den Zimmereifirmen Brüß und Jansen einiges einfallen lassen. Zu sehen bekommt das später niemand: Der Dachboden wird abgesperrt bleiben.

Bis dahin ist noch viel zu tun. „Man kommt mit den Umständen hier zurecht. Aber schön ist das nicht“, quetscht Frank Storm unter seiner Atemmaske hervor. „Man gerät schnell ins Schwitzen. Und das Fachsimpeln mit Kollegen, was man am besten als nächstes tun sollte, geht mit der Maske vorm Mund auch nicht so gut“, beschreibt der Zimmerer seine Erfahrungen mit dem Arbeiten unter der Ganzkörperhülle.

Die Gesundheitsschützer haben festgelegt, dass Storm und seiner Kollegen maximal 90 Minuten arbeiten dürfen, dann eine halbe Stunde Pause machen müssen, bevor sie erneut auf den Dachboden dürfen. Drei solcher Schichten am Tag sind erlaubt, dann ist Feierabend. Die getragene Schutzkleidung werfen sie dann im Schleusenraum in eine große Tonne, so lange, bis der Deckel nicht mehr draufpasst. Dann müssen Anzüge und Handschuhe entsorgt werden wie alle Baureste vom Dachboden – als Sondermüll.



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