Nur Gewinner

shz.de von
15. Juni 2018, 13:42 Uhr

Jetzt hat sie wieder begonnen für Fußball-Fans: Die 5. Jahreszeit. In den Büros, den Häusern, den Kneipen hängen überall Spielpläne. Gibt es Tippgemeinschaften. Wer wird Weltmeister? Wie weit kommt die Deutsche Mannschaft – oder ist das mit der ersten Frage schon beantwortet? In den Biergärten, den Lokalen, auf manchen öffentlichen Plätzen dreht sich jetzt für ein paar Wochen das Leben um Leinwände und Spielübertragungen. Arbeitszeiten werden bewusst anders gelegt. Vorgesetzte entpuppen sich als fußballbegeisterte Menschen und gestatten gemeinsames Gucken im Aufenthaltsraum. Ja, eine besondere Zeit – alle vier Jahre. Die, die nicht gucken, haben keine Warteschlangen im Supermarkt, keinen Stau auf der A 1 oder B 76. Selbst die Ausweichstrecken über die Dörfer sind für einen Moment ruhiger, weil viele Menschen vor den Fernsehgeräten verharren. Es muss jede Ecke, jeder Freistoß und Foul – zumindest mittels Videobeweis – gesehen werden. Mitreden, fachsimpeln und es besser wissen als der Trainer oder Schiedsrichter sind die Herausforderungen diese Tage.

Worum geht’s eigentlich? Wieso ist es wichtig zu gewinnen? Was wird eigentlich gewonnen? Eine kleine Geschichte.

Piggeldy und Frederick standen wie immer bei Wärme in ihrer Matschekuhle. Plötzlich fragt Piggeldy seinen großen Bruder: „Du, Frederick. Was ist eigentlich eine Fußballweltmeisterschaft?“ Frederick – der nie um eine gute Antwort verlegen war – glubschte mit den Augen nach links, dann nach rechts und nach oben und antwortete. „Nichts leichter als das – komm mit“. Und die beiden vergnüglichen Hausschweinchen machten sich auf einen „sehrrrrr“ langen Weg. Irgendwann kamen sie an einem Sportplatz vorbei, wo 22 zarte Ferkelchen hinter einem Ball herliefen. Das 23. Ferkelchen auf dem Platz mit den schwarzen Beinchen war der Schiedsrichter. Piggeldy und Frederick hielten inne und schauten beim Spiel zu. Dann sagte Frederick zu seinem kleinen Bruder: „So ähnlich ist Weltmeisterschaft. Nur das 32 Schweinchen (Mann)-schaften gegeneinander spielen und sie aus ganz unterschiedlichen Teilen der Welt kommen. Nicht aus dem Nachbarstall.“ Piggeldy fragte nach: „Und worum spielen die 32 Mannschaften?“ Frederick glubschte – wie immer – mit den Augen nach links, dann nach rechts und dann nach oben und antwortete: „Sie spielen darum, wer die aller aller aller beste Fußballmannschaft der Welt ist.“ Das verstand jetzt Piggeldy nicht mehr: „Und warum ist das wichtig, dass zu wissen?“ „Hmmm“, machte Frederick. „Das erzähle ich dir nächstes mal“. Und Piggeldy ging mit Frederick nach Hause.

Die Frage, wer ist der Größte – oder Wichtigste – im Himmelreich, wurde Jesus im Kreise seiner Jünger auch gestellt. Ich kann mir vorstellen, dass Jesus vielleicht dachte: Und warum ist das jetzt wichtig? Wieso muss er das jetzt wissen? Oder vielleicht dachte Jesus: Ja, eine zutiefst menschliche Sehnsucht: Sich vergleichen mit anderen. Jesus antwortete auf diese Frage nur indirekt. Mehr mit einem Verhaltenskodex für den Größten: „Der Größte und Vornehmste unter euch, soll euer Diener sein.“ Diener – das Gegenüber sehen und wahrnehmen. Für den anderen mit dem Herzen da sein. Brücken schlagen zum Nächsten. Das ist Größe im Himmelreich und auf Erden. Das zählt. Im Fußball-Jargon würde das vielleicht „Weltmeister der Herzen“ heißen. Somit Gefühls-Brücken schlagen zu den Fans und Zuschauern.

In diesem Sinne wünsche ich uns eine Herzens warme Fußball-Weltmeisterschaft. Egal wer gewinnt.

Ob ich auch gucke? Klar, ich fahre nach Italien auf einen Campingplatz – treffe dort sicherlich auf betrübte Holländer und gemeinsam – sie tröstend – schauen wir uns die Spiele an. Dabei sein ist nicht immer nur alles. Manchmal wirkt der Fußball-Geist auch über die 32 Mannschaften in Russland hinaus. Wie Gottes Geist. Er weht wie der Wind: wo er will – nicht festzuhalten. Nicht auszumachen – und doch ist er da!

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