Leitstelle der Polizei : "Nur die Leitstelle Freischütz stirbt"

Michael Scherf nimmt das Türschild der Eutiner Leitstelle ab.
1 von 2
Michael Scherf nimmt das Türschild der Eutiner Leitstelle ab.

Die letzte Schicht in der Zentrale im Eutiner Polizeigebäude: Kurz vor Schluss gibt es noch einen Alarm wegen eines Bankraubes.

Avatar_shz von
17. Februar 2011, 12:01 Uhr

eutin | Es war kein überraschendes Ende: "Schon 2003 hieß es, dass die Leitstelle Eutin geschlossen und nach Lübeck verlegt werden soll", erinnert sich Bernd Petersen. Der Polizeioberkommissar war seit 1998 in der Funkzentrale der Eutiner Polizei. Nun wurden es für ihn doch 13 Jahre Schichtdienst. Petersen setzte gestern den absolut letzten Funkspruch an alle Dienststellen und Streifenwagen ab, mit dem das historische Kapitel "Leitstelle Freischütz" geschlossen wurde (siehe Titelseite).

Britta Lange und Bernd Petersen bildeten die letzte Schicht in der Leitstelle. Sie waren zum Schluss nicht allein. Polizeihauptkommissar Michael Scherf, der vor eineinhalb Jahren die Leitung der Leitstelle übernommen hatte, sowie weitere Kollegen und mit Erich Dorok auch ein Ruheständler, erlebten die letzten Funksprüche und Telefonate mit, die über "Freischütz" Eutin abgewickelt wurden.

Für wenige Sekunden ging sogar der Puls noch einmal in die Höhe: Um 10.13 Uhr lief ein Alarm aus einer Bank in Burg auf: Raubüberfall. Bernd Petersen beorderte alle verfügbaren Streifenwagen an den mutmaßlichen Tatort. Nach wenigen Minuten wurde klar: Fehlalarm.

Von theoretischer Natur blieb auch ein anderes Szenario: "Hoffentlich geht jetzt keine Meldung über einen Wildunfall mehr ein", sagt Petersen, "die Unterlagen sind gerade mit dem Auto auf dem Weg nach Lübeck". In diesen Unterlagen sind die Karten der Jagdreviere, mit deren Hilfe nach einem Wildunfall der zuständige Jäger informiert werden kann.

Es war, wie Scherf erläutert, das einzige Papier, das aus der Eutiner Leitstelle in die neue Zentrale gebracht wurde. In der sind alle Informationen digital verfügbar: Karten, Einsatzmittel, Einsatzpläne, GPS-Koordinaten - alles per Knopfdruck. Nur die Ortskenntnis von Beamten: die lässt sich durch Technik nur begrenzt ersetzen.

Die Hälfte der zwölf Beamten, die zum Eutiner Leitstellenteam gehörten, wechseln nach Lübeck. Dort sollen, wie Scherf weiter sagt, immer zwei Beamte einer insgesamt acht Köpfe starken Schicht die Anrufe aus Ostholstein entgegen nehmen und die Einsatzkräfte dort steuern. Und von diesen beiden soll sich möglichst einer gut auskennen im Kreis.

Sechs Beamte von "Freischütz" wechseln zu andern Dienststellen. "Nach meiner Kenntnis haben alle eine Wunschverwendung gefunden", sagt Scherf. Bernd Petersen zum Beispiel geht zum Umwelttrupp des Polizeibezirksreviers, bleibt also in Eutin - und sagt dem Schichtdienst ade, der 13 Jahre lang seinen und mittelbar auch den Lebensrhythmus seiner Familie bestimmt hat.

Michael Scherf hat für die beiden Journalisten, die das Ende der Eutiner Leitstelle miterleben, einen Zettel ausgedruckt. Zahlen der Einsätze stehen darauf, die von der Leitstelle abgewickelt wurden. 22 000 waren es 1987. Die Zahl wuchs beständig auf die Höchstmarke von 42 000 im vergangenen Jahr.

Fairerweise müsse man etwa 10 000 abziehen, da seit einigen Jahren auch An- und Abmeldungen von Beamten über die Leitstelle registriert worden seien. Aber der Rest seien "echte" Notrufe und Einsätze.

Deutlich zugenommen habe die Zahl der Einsätze in dem Maß, in dem das Mobiltelefon Verbreitung gefunden habe. "Früher sind die Leute meistens erst nach Hause gefahren und haben sich dann telefonisch bei der nächsten Polizeistation gemeldet. Heute ruft fast jeder sofort an", schildert Scherf, "was natürlich auch gut ist, weil wir mehr Täter stellen."

Trotz der deutlich gestiegenen Anruf- und Einsatzzahlen sei über Jahrzehnte die Arbeit meistens mit zwei Beamten pro Schicht bewältigt, selten wegen besonderer Lagen Verstärkung angefordert worden. "Das letzte Mal war im November bei dem starken Schneefall", sagt Bernd Petersen.

Als eine außergewöhnliche Situation in 13 Jahren ist dem Polizeioberkommissar der Unfall in Erinnerung geblieben, bei dem am 17. Mai 2000 am Kuhlbuscher Berg elf Menschen getötet wurden. "Es war zwar ein Pressesprecher vor Ort, aber hier riefen dauernd Journalisten an. Sogar die BBC in London wollte wissen, was los ist."

Der letzte Telefonanruf, den Bernd Petersen gestern entgegen nimmt, kommt von Kollegen: Die Bundespolizei in Puttgarden will wissen, ob sie zur Kommunikation mit der neuen Leitstelle den Funkkanal wechseln muss. Petersen antwortet: "Nein, alles bleibt wie bisher. Nur die Leitstelle Freischütz stirbt."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen