Süsel : Nur der Turm oder die ganze Kirche?

In den blau gefärbten Bereichen muss der Zement in den Mauern der Süseler Kirche (hier die Nordwand) dringend durch Gips ersetzt werden. In den hellrosafarbenen ist das Gefahrenpotenzial zu untersuchen, sagte Bauforscher Dr. Holger Reimers.
1 von 3
In den blau gefärbten Bereichen muss der Zement in den Mauern der Süseler Kirche (hier die Nordwand) dringend durch Gips ersetzt werden. In den hellrosafarbenen ist das Gefahrenpotenzial zu untersuchen, sagte Bauforscher Dr. Holger Reimers.

Die Kirchengemeinde Süsel muss schnell über den Umfang der Sanierung in St. Laurentius entscheiden – will sie bald Fördermittel haben

shz.de von
28. August 2018, 18:12 Uhr

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder renoviert die Kirchengemeinde Süsel nur den Turm der Kirche für 850 000 Euro oder das Sanierungsvorhaben wird deutlich umfangreicher und ein Millionenprojekt. Für beides sind die Chancen auf Bundesförderung sehr hoch. Die Vor- und Nachteile der Varianten erläuterten gestern Staatssekretärin Bettina Hagedorn (Bundesfinanzministerium ) und Johannes Kahrs, haushaltspolitischer Sprecher der SPD, bei einem Besuch des Gotteshauses.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Hagedorn wollte sich, nachdem sie die Schäden vor einem Jahr in Augenschein genommen hatte, auf den aktuellen Stand der Sanierungspläne bringen und hatte Johannes Kahrs, den „Chef der Haushälter“, wie sie sagte, eingeladen. Der ermutigte Mitglieder der Kirchengemeinde und Fachleute, durchaus die große Variante in Betracht zu ziehen. Denn der Bund beteilige sich immer nur einmal an den Sanierungskosten. Eventuelle Mehrkosten müsse die Gemeinde selbst tragen. „Gucken Sie gründlich, auch nach der Elektrizität, Aufbauten und anderem. Machen Sie alles“, riet der Hamburger. Hagedorn pflichtete Kahrs bei, mahnte aber auch: Das ist kein Aufruf, verschwenderisch zu sein.“

Die große Variante hat allerdings einen Haken. Der Antrag für die Gesamtmaßnahme muss bei den Haushältern bis Ende Oktober eingegangen sein. Fachleuten und Entscheidern blieben also nur zwei Monate Zeit, umfangreich den Sanierungsbedarf zu ermitteln, zu planen und zu berechnen. „Das ist möglich, aber eine große Herausforderung“, sagten unter anderem der Architekt Lutz Eckoldt und der Bauhistoriker Dr. Holger Reimers. Eckoldt bereitet die bisher geplante Sanierung vor. Reimers hat sich als Kunsthistoriker auf Baugeschichte spezialisiert.

Zu den Schäden: Die sind nicht nur im Turm zu finden. Dort hängen die Glocken seit weit über einem Jahr still, da die morschen Trägerbalken des Glockenstuhls nur noch vereinzelt in den Außenmauern aufliegen. Nur die kleine Mittagsglocke darf noch für wenige Minuten läuten. Auch das Gemäuer der Kirche aus dem 12. Jahrhundert ist aus den Fugen geraten. Zement hat dem ursprünglichen Baustoff Gips arg zugesetzt und das Volumen des Gemäuers vergrößert. Es entstanden tiefe Risse und die Findlinge wurden über die Jahrzehnte nach außen gedrückt. Die Dachsparren oberhalb des Kirchenschiffs sind wegen mangelnder Belüftung und falscher Dämmung morsch und Stücke völlig herausgebrochen.

Bei der Besichtigung war Dr. Dirk Jonkanski dabei. Der stellvertretende Landesdenkmalpfleger Schleswig-Holsteins erklärte, warum das Gotteshaus in Süsel wertvoll ist. Vor mehr als 800 Jahren entstanden aus dem Material Findlingen und Segeberger Gips ein Rundturm (heute außen eckig) mit einem Kirchenschiff und einer Apsis (Altarraum). Eine der Besonderheiten des Süseler Gotteshauses ist Kunsthistoriker Reimers zufolge in der Sakristei zu finden. Dort wies er die Politiker auf ein ursprüngliches Außenportal, einen Rundbogen mit Ornament hin. Nur die blaue Farbgebung sei aus dem vorigen Jahrhundert, orientiere sich aber an historischer Vorlage. War der Rundbogen ursprünglich der Eingang für den Geistlichen, deshalb auch als Priesterpforte bezeichnet, wurde er mit dem nur wenige Jahrzehnte später errichteten Anbau für die Sakristei an den Altarraum zum innenliegenden Durchgang. Das Wertvolle an seinem Schmuck: Er ist vollständig erhalten. In Museen werde ein solcher Durchgang unter Glas gesetzt, kamen Reimers, Pastor Matthias Hieber und die Politiker überein. Kahrs machte einen werbewirksamen Vorschlag. Er empfahl, eine Kirchentour zu organisieren und in Hamburg publik zu machen. Die Hamburger kämen garantiert.

Für die Sanierung hat die Kirchengemeinde im November einen Förderverein gegründet. Der begleitet die Sanierungspläne und will beim Einwerben von Landes- und Bundesmitteln helfen. Vorsitzender Michael Meininghaus sprach von einem breiten Interesse am Erhalt der Kirche.

Nun hat die Kirchengemeinde zu entscheiden: Will sie den Turm sanieren und die Fördermittel (maximal 400 000 Euro aus dem Denkmalschutzsonderprogramm) noch in diesem Jahr erhalten? Oder will sie groß planen und den Bund dafür um eine 50-Prozent-Förderung bitten. Bei dieser Variante können alle Beteiligten erneut ihre gute Zusammenarbeit beweisen – und bis Ende Oktober die Fördermittel beantragen. Stimmt der Haushaltsausschuss im November zu, können die Fördermittel 2019 zur Verfügung stehen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen