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Ostholsteiner Anzeiger

26. September 2017 | 09:38 Uhr

Noch heute ist vieles unverzeihlich

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Diskussionsrunde zur Wanderausstellung des Kirchenkreises „Neue Anfänge nach 1945?“ in der St.-Michaelis-Kirche

Wie geht jeder Einzelne mit der Vergangenheit um? Welche Erinnerungen gibt es an die Zeit vor und nach 1945, welche Lehren lassen sich aus der Geschichte ziehen? Propst Peter Barz, die Grünen-Stadtvertreterin und Lehrerin für politische Bildung Christiane Balzer, Pastor i.  R. Hartwig Lohmann, Bürgervorsteher Dieter Holst und Dr. Ingaburgh Klatt von der Gedenkstätte Ahrensbök wagten in der Eutiner St.-Michaelis-Kirche mit Moderatorin Dr. Mechthild Mäsker den Versuch einer Annäherung.

Hintergrund war begleitend zur aktuell dort gezeigten Wanderausstellung „Neue Anfänge nach 1945?“ zur Rolle der Landeskirchen, dass die Eutiner Kirche 1945 nicht die Stuttgarter Schulderklärung unterzeichnet hatte und 1932, noch vor Hitlers „Machtergreifung“, landesweit über 50 Prozent der Pastoren NSDAP-Mitglieder waren.

Lohmann ist ein Zeitzeuge, war Ende der 50er-Jahre/Anfang der 60er-Jahre Eutiner Jugendpastor und wurde auf Betreiben seines NS-belasteten Kollegen Hugo Rönck abgesetzt, weil er Fragen offen beantwortet habe. Sein Vater sei in der NS-Zeit als Bankdirektor abgesetzt worden, weil er Freimaurer war. „Aufarbeitung ist wichtig, es ist wichtig, dass die Kirche dafür sorgt, dass diese menschenverachtende Haltung nicht wieder hoch kommt“, erklärte der 93-Jährige. „Passt auf, junge Leute, dass Euch niemand für seine Macht missbraucht. So, wie die Pastoren getaufte ,Nichtarier’ ausgeschlossen haben, ist unverzeihlich.“

Bürgervorsteher Dieter Holst und seine Frau wurden 1963 von Pastor Wilhelm Kiekbusch getraut. „Er sagte: ,Lieber Dieter, und Du meine liebe deutsche Braut’. Das hat mich irritiert“, erzählte Holst. Als Konfirmand fand er es spannend, Kiekbusch zuzuhören. „Alles war ganz normal, nicht normal war die Flüchtlingssituation.“ Damals wie heute seien viele der Ansicht, die Flüchtlinge nähmen ihnen etwas weg, erinnerte sich Holst, nach 1945 selbst Flüchtling aus dem Osten. „Am wichtigsten sind eigene Erfahrungen. Man muss sich über die Demokratie demokratisch auseinandersetzen, um nicht in Selbstverständlichkeit vor sich hinzudämmern“, so sein Fazit.

„Ziel muss es sein, Menschen dazu zu bringen, sich eine politische Haltung anzueignen“, ist Christiane Balzer, Stadtvertreterin und Lehrerin für politische Bildung, überzeugt. Vieles sei noch nicht aufgearbeitet. Unter Jugendlichen hat sie eine große Unwissenheit festgestellt. Viele könnten mit Begriffen wie Lügenpresse und Pegida nichts anfangen.

Für junge Menschen sei es wichtig, zu sehen, dass es vor ihrer Haustür stattfand, erklärte Klatt. „Es war so alltäglich. Junge Menschen müssen erfahren, wie es allmählich zu Ausgrenzung und Vernichtung kommen kann, und dass bis heute Ausgrenzung stattfindet.“ Vieles sei verdrängt worden aufgrund der herrschenden Not. „Bis das Bewusstsein da war, hat es gedauert. Ich wünschte, Schüler würden mehr Fragen stellen.“
„Wir empfinden Scham, wie sich die Kirche stumm gestellt und nicht ihre Stimme erhoben hat“, sagte Barz und zitierte aus der Synodenerklärung des Kirchenkreises Ostholstein vom 5. Mai 2017. Darin heißt es unter anderem: „Aufgrund der Erfahrung aus der deutschen NS-Geschichte sehen wir nicht weg, wenn die Freiheit und das Leben anderer bedroht werden  ...“ Die Menschen seien geschaffen von einem Gott, daher gehörten sie zusammen. Barz: „Wachsam zu sein, ist eine unserer Aufgaben. Wir äußern uns jetzt gerade zum Thema Abschiebung. Wir sagen nicht, das darf nicht sein, es geht uns um die Art und Weise. Jesus war Flüchtling und Jude. Wir sollten nicht bei fremden Religionen missionieren, sondern bei uns.“

Die Ausstellung „Neue Anfänge nach 1945?“ ist noch bis 18. Juli in der St. Michaelis-Kirche zu sehen.





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