Nimmt der Markt Landwirten die Freiheit?

Sie diskutierten unter der Moderation von Katharina Desch (re.) in Schönwalde auf dem Podium: (v.li.) Annelie Wehling (Bundesverband Deutscher Milchviehhalter), Klaus-Dieter Blanck (Kreisbauernverband), Dr. Frank Steinmann (LLUR) und Dr. Ina Walenda (Natur-Freunde Deutschland).
Sie diskutierten unter der Moderation von Katharina Desch (re.) in Schönwalde auf dem Podium: (v.li.) Annelie Wehling (Bundesverband Deutscher Milchviehhalter), Klaus-Dieter Blanck (Kreisbauernverband), Dr. Frank Steinmann (LLUR) und Dr. Ina Walenda (Natur-Freunde Deutschland).

Angeregte Diskussion nach der Vorführung des Dokumentarfilms „Bauer unser“ auf dem Pfarrhof in Schönwalde / Forderung nach vielen kleinen Höfen

shz.de von
01. Juni 2018, 16:30 Uhr

Über 60 Besucher kamen zum Filmabend mit anschließender Diskussion über die Situation der Landwirtschaft auf den Pfarrhof Schönwalde. Sie zeigten sich beeindruckt von dem österreichischen Dokumentarfilm, der zwar viele erdrückende Fakten aber keine Lösungen für die Sorgen und Nöte heutiger Landwirte präsentierte. Lösungen versuchte Katharina Desch vom Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein in der anschließenden Podiumsdiskussion zu finden. Am Ende blieb die Frage offen, ob die Verbraucher oder die Produzenten und der Einzelhandel den Markt bestimmen.

Das Plenum gestand den Landwirten ein, in einer Zwickmühle zu stecken, aus der ein Entkommen nur schwer möglich sei. „Für den nötigen gesellschaftlichen Wandel gibt es derzeit keine politischen Mehrheiten“, urteilte Klaus-Dieter Blanck vom Kreisbauernverband.

Einige Fakten aus dem Film: Während in Afrika eine Kuh den Lebensunterhalt garantiert braucht ein deutscher Milchbauer 60 Kühe. 2016 ernährte ein Landwirt in Deutschland 145 Menschen. 40 Prozent der Weltbevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig. Im Land sind es nur zwei bis fünf Prozent. Die Fachleute im Film sehen in der Globalisierung des Lebensmittelhandels ein Kernproblem für die europäische Landwirtschaft. Während Vertreter von Lebensmittelkonzernen und der Europäischen Union den freien Handel propagieren, schwört Benedikt Haerlin dem weltweiten Handel ab. Der Journalist und frühere EU-Politiker formuliert es knapp: „Der Weltmarkt für Lebensmittel ist Unfug.“

Dem stimmte das Schönwalder Plenum zu. Annelie Wehling forderte: „Wir brauchen viele kleine Bauern. Nahrungsmittelproduktion gehört in die Mitte der Gesellschaft.“ Als Mitglied des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter erteilte sie der freien Regulierung des Marktes eine Absage: „Wir brauchen eine soziale Marktwirtschaft mit dem nötigen Rahmen.“ Wer am Besten wirtschafte, könne man nicht nur an den Zahlen festmachen. Bei Importen von Millionen von Tonnen Sojamehl könne die Milch- und Fleischproduktion gesamtwirtschaftlich betrachtet nicht billig sein, war sich Wehling sicher.

Aus diesem Grund sprach sich Dr. Ina Walenda vom Verein Natur-Freunde Deutschland für eine Umstellung der Bedingungen für Europäische Subventionen aus. Die gesellschaftlichen Beiträge der Landwirte in Form von Natur- und Artenschutz müssten entsprechend den Vorschlägen des Deutschen Verbandes für Landschaftspflege stärkere Berücksichtigung finden.

Dem stimmte Blanck in Teilen zu. Wenn er könnte, würde er dem Preisdruck mit dem Kartellrecht begegnen und Verkaufspreise unter Einstandspreis verbieten. Nur so könne man dem ruinösen Preisdruck des Marktes etwas entgegenhalten. Der Film offenbarte, dass in Frankreich 600 Bauern jährlich mit Suizid reagierten und somit die am stärksten gefährdete Berufsgruppe seien.

„Wir müssen die Entfremdung zwischen Produzent und Konsument abbauen“, lautete ein Statement der Dokumentation. Dafür sei nach Ansicht Blancks der Verbraucher Dreh- und Angelpunkt. Biodiversität sei nicht ohne den Verbraucher möglich. Dem widersprach Wehling deutlich: „Wer auf den Verbraucher wartet, will in Wahrheit nichts ändern.“ Ein Direktvermarktungssystem sei längst überfällig und müsse durch die Landwirtschaft initiiert werden. So entgehe man der Gefahr, als Zulieferer durch die Lebensmittelindustrie jederzeit austauschbar zu sein. Landwirte und Verbraucher müssten hier Schulter an Schulter stehen.

Dr. Frank Steinmann vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume stellte die Frage, warum sich sofort Bürgerinitiativen gegen geplante Mastanlagen bildeten, aber niemand protestierte, wenn Hackfleisch für 40 Cent pro Kilo weit unter Herstellungspreis angeboten werde.

Über die „Zukunftsaufgaben der Landwirtschaft“ kann am kommenden Mittwoch, 6. Juni, noch einmal mit dem Geobotaniker Prof. Dr. Hansjörg Küster im Anschluss an seinen Vortrag um 19 Uhr im Gemeindehaus der Kirchengemeinde Schönwalde diskutiert werden.




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