Neustettiner Museum sucht Bleibe

Rita Kennel hilft den Museumsgästen bei der Suche nach ihrem Stück Familiengeschichte.
Rita Kennel hilft den Museumsgästen bei der Suche nach ihrem Stück Familiengeschichte.

Für die Sanierung der Schlossterrassen muss das Heimatmuseum umziehen / Um zukunftsfähig zu sein, wollen Ehrenamtler Konzept ändern

Avatar_shz von
22. September 2017, 00:13 Uhr

Das Heimatmuseum des ehemaligen Kreises Neustettin in Hinterpommern gibt es seit 25 Jahren in direkter Nachbarschaft zum Ostholstein-Museum. Ein prominenter Ort, von dem das Museum profitiere und auf das es auch angewiesen ist, wie Rita Kennel, von den ehrenamtlichen des Vereins als „die Perle“ bezeichnet, sagt: „Viele Besucher laufen zufällig vorbei und finden hier einen Teil ihrer Familiengeschichte. Das ist oft sehr berührend.“

Auch Ralf Collatz und seiner Familie ging es am Mittwochnachmittag so. Nach der Playmobilausstellung habe er gesehen, dass das Heimatmuseum geöffnet ist und schaute „eigentlich ohne große Erwartungen“ hinein. „Jetzt bin ich völlig überwältigt“, sagt der 58-Jährige zu Tränen gerührt. Denn er hat Unterlagen seiner Großeltern gefunden. Sein Opa war Ortsvorsteher, hatte eine kleine Molkerei mit zwölf Hektar Land, die sein Vater mal übernehmen sollte, doch dann sei der Krieg dazwischen gekommen. Seine Oma hatte damals auch nach den 50er-Jahren noch viel ans Deutsche Rote Kreuz über den Suchdienst überliefert. All das konnte er in den Akten des Museums einsehen und als Kopie als Familiengeschichte mit nach Hause nehmen. 1947 sei die Familie über die Ostsee geflohen und habe sich größtenteils im Auffanglager in Gütersloh wiedergefunden, sagte Collatz. Er verließ glücklich das Museum, mit weiteren Details der Familiengeschichte.

So wie ihm, sagt Rita Kennel, gehe es fast allen Besuchern, die familiäre Wurzeln in Pommern haben. „Wir haben 191 Dorfakten, 39 Stadtakten und 42 Akten mit verschiedensten Inhalten und wir finden eigentlich immer einen Hinweis, dem wir weiter nachgehen können, wenn wir einen Namen haben“, sagt Kennel. Momente wie diese erfüllen Kennel mit Freude. Denn die Öffnung des Museums immer mittwochs von 15 bis 17 Uhr oder auf Anfrage auch gesondert, wird komplett ehrenamtlich geleistet. 24 Aktenmeter Archiv, zahlreiche Pommernzeitungen, landwirtschaftliche Geräte, handgewebte Tücher und Konfirmandentrachten aus den verschiedenen Regionen des Kreises sowie zahlreiche alte Kartenmotive, Urkunden und vieles mehr gibt es derzeit auf 90 Quadratmetern zu sehen – und noch viel mehr zu hören. „Ich lerne von allen, denn jeder bringt eine Geschichte mit“, sagt Kennel. Auch sie habe Pommern-Wurzeln und kam vor 14 Jahren eigentlich „nur mal so aus Interesse“ ins Museum. Doch es wurde damals gerade eine neue Kraft gesucht und Kennel entschied sich dafür.

Wie es genau weitergeht, wenn sie wegen der Sanierung der Schlossterrassen Ende August 2018 ihre Räume verlassen müssen, weiß der Neustettiner Kreisverband, der Träger ist, noch nicht. Schatzmeister Philipp Duske nutzte im jüngsten Sozialausschuss die Gelegenheit, der Politik das neue Konzept des Heimatmuseums vorzustellen und Politik und Verwaltung weiterhin um mietfreie Räume im Stadtzentrum zu bitten.

„Bisher ist unser Konzept auf die Erlebnisgeneration ausgerichtet, doch wir müssen uns fragen, wie wir zukunftsfähig bleiben“, sagt Duske. Deshalb sei in den neuen Räumen, die bestenfalls 60 Quadratmeter groß sind, geplant, nicht nur etwas Flucht aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern zu zeigen, sondern auch die Flüchtlingsintegration damals und heute zu beleuchten. „Eutins Einwohnerzahl hat sich in den 50ern verdoppelt, das hatte Einflüsse auf die städtebauliche Struktur und war und ist prägend für die Zeit“, sagt Duske. Die Motivation der Ehrenamtler für das moderne Konzept schildert Duske: „Wir wollen uns nicht nur an der Vergangenheit orientieren, sondern auch ein Bewusstsein dafür schaffen, wie gut es uns hier geht. Es sind wichtige aktuelle Aufgaben, die auch heute noch vor uns als Gesellschaft stehen und dem wollen wir uns als Museum nicht verschließen.“ Über die Finanzierung der geschätzten 100  000 Euro laufen erste Gespräche. Der Ausschuss zeigte sich angetan von Duskes Ansatz. Bis spätestens Ende Januar brauche er eine Entscheidung der Stadt, da vieles aussortiert und der Bestand reduziert werden müsse.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen