Neue Töne in alten Mauern

Neue Klänge waren es, die die Musiker bei dem Konzert suchten.
Neue Klänge waren es, die die Musiker bei dem Konzert suchten.

Einblicke ins Konzert „Feuer IV – Buxthehude 21“ des Classical-Beat-Festivals in der Eutiner Michaeliskirche

shz.de von
24. Mai 2018, 11:18 Uhr

Erstaunliche Klänge der Orgel, die man nicht gewohnt ist und die beinahe elektronisch klingen, obwohl sie tatsächlich „nur“ der echten Orgel entlockt sind, eröffneten das Konzert „Feuer IV – Buxthehude 21“ des Classical-Beat-Festivals am Mittwoch in der Eutiner Michaeliskirche. Das Festival findet erst zum zweiten Mal statt und es zieht in knapp einer Woche mit ein bis zwei Aufführungen pro Abend von Hamburg, über Ostholstein bis hin nach Schweden.

Neue Klänge sind es, die Franz Danksagmüller (Orgel, Gulliphon und Live-Elektronik) und Bernd Ruf (Sopransaxophon) suchen. Und die Frage, die sie stellen, lautet – im Gegensatz zu vielen anderen Musikern – nicht „Wie wurde damals aufgeführt?“, sondern „Wie mag die Musik damals gewirkt haben?“. Für viele damalige Zeitgenossen mögen manche Klänge von Bach, Buxtehude und Händel so fremd gewesen sein, wie es die neuen und häufig elektronischen Klänge der beiden experimentierfreudigen Musiker heute sind.

So mischen sich vertraute Partien von zum Beispiel Händels Feuerwerksmusik – in allen Aufführungen dieser Woche geht es um das Jahresthema Feuer – mit Elementen des Jazz und elektronischen, beinahe sphärischen Klängen; neue Kompositionen wechseln mit neu bearbeiteten Präludien oder Teilen von Toccaten. Neu ist auch das fälschlich zu seinem Namen gekommene „Gulliphon“ - fälschlich, weil sein Erfinder Franz Danksagmüller es auf dem Schrottplatz für einen Teil eines Gullis hielt, was es nicht ist. Dieses von ihm selbst gebaute Instrument kann mittels eines Geigenbogens nur einen Ton hervorbringen; Elektronik verhilft ihm zu größerer Vielfalt. „Und das“, sagt Danksagmüller, „war die Herausforderung, „aus einem Ding, das kein Instrument ist und darum keinen Erwartungen entsprechen kann, eines zu machen.“ Gelungen – solange es Strom gibt.

Hier wird tatsächlich vom Zuhörer, der gewohnt ist, von Menschen gespielten, „echten“ Instrumenten zu lauschen, ein Umhören verlangt. Auch wenn das gerade neu zusammengefundene internationale Ensemble junger Musiker eben die bekannten Instrumente, wie Geige, Klarinette, Oboe, Posaune und Trompete professionell spielt, ist so ein Konzert ohne Elektronik nicht zu denken oder gar zu hören.

Kann es dabei gelingen, als Musiker das zu transportieren, was Menschen das Herz öffnet? Das kann es nur dann, wenn Erwartungen hinter Offenheit zurücktreten, wenn sich Menschen vorbehaltlos auf das Neue einlassen. Und wer kann schon sagen, wie Menschen in zweihundert Jahren diese Musik empfinden?

Die Zuhörer in St. Michaelis jedenfalls applaudierten ausdauernd und viele kamen im Anschluss mit den Musikern ins Gespräch, um das „Gulliphon“, das tatsächlich ein Teil eines Einwecktopfes ist, aus der Nähe kennenzulernen.


zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen