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Neue Bestattungskultur bringt Friedhöfe in Not

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ein Mensch stirbt. Bei den Hinterbliebenen ist die Trauer groß, aber meistens auch die Verunsicherung. Denn: weit reichende Entscheidungen stehen an. „Wie gehen wir mit unseren Verstorbenen um?“ Antworten auf diese Frage suchte Dieter Schott aus Bad Malente in einem Vortrag für die Plöner Hospizinitiative. Wesentlich dabei ist die Rückbesinnung auf die Familie und ihre Werte.

90 Prozent der Menschen sterben im Krankenhaus oder in einem Pflegeheim außerhalb ihrer Familien, rechnete Dieter Schott vor. Oft seien Familien durch Scheidungen zerstritten und kaputt. Aber auch der Beruf habe sie gefordert. Die Religiosität nehme rasant ab. Andere Familien seien in aller Welt verstreut. Gerade in den Familien gepflegte, stabilisierende Rituale seien leider längst vergessen. Schott: „Viele Menschen sterben heute auch vereinsamt.“

„Bei der Entwicklung ihrer Friedhöfe hat die Kirche die Zeit verschlafen“, resümierte Schott: „Viele Friedhöfe tragen sich nicht.“ Bestattungen in Urnen lösten in Norddeutschland Erdbestattungen ab. In Flensburg würden 90 Prozent der Bestattungen in Urnengräbern erfolgen, in Hamburg seien es noch 80 Prozent. Im katholisch geprägten Süddeutschland sei das Verhältnis anders: hier gebe es 90 Prozent an Erdbestattungen.

In Norddeutschland habe der Hang zur Feuerbestattung Auswirkungen auf die Existenz der Friedhöfe. Schott rechnete vor: „Ein Sarggrab steht für sechs Urnengräber.“ Das bedeute weniger Einnahmen bei gleicher Personalstärke für die Kirche, die den Friedhof als wirtschaftlichen Betrieb führe. Traurig sei, dass Sozialbestattungen irgendwo neben einem Krematorium erfolgten. Diese Gräber könnten auch auf den kirchlichen Friedhöfen sein.

Während in Deutschland starre Bestimmungen gelten und Bestattungen lediglich in einem Sarg oder in einer Urne erfolgen dürften, seien andere Länder offener. In der Schweiz dürften die Angehörigen selbst über die Asche ihrer Hinterbliebenen verfügen. Friedwäldern und Ruheforsten werde so der Weg bereitet. Die erste Lockerung in Deutschland vollzog Bremen: Seit Anfang des Jahres ist hier eine Gartenbestattung möglich: die Asche des Toten wird im Garten ausgebracht, sagte Dieter Schott.

Friedwälder werden in Schleswig-Holstein privat betrieben, Ruheforste von der Landwirtschaftskammer. Hier finde das Geschäft mit den Toten statt und die Friedhöfe mit ihren starren Bestimmungen würden immer leerer. Eine Liberalisierung gebe es durch sogenannte Kolumbarien, ein „Taubenschlag“ für Urnen, die dort abgestellt werden können.

Dieter Schott beschrieb den Trend: „Die Friedhöfe werden offener und zu großen Parkanlagen.“ Damit Verstorbene ihren Angehörigen mit der Grabpflege „nicht zur Last fallen“, befassen sie sich mit der Bestattung im Ruheforst. Schott fürchtet: „Die Kommerzialisierung nimmt zu und die christlichen Werte nehmen ab.“ Hoffnungsvoll stimme ihn, dass das Bestattungsgesetz im Umbruch sei. Luftbestattung, Plastination (mit Zweifeln an der Wahrung der Menschenwürde), Tieffrieren, die Promession (der Verstorbene wird zu einem Granulat) oder Diamantbestattung (die Asche wird zu einem Diamanten
gepresst, der am Fingerring getragen wird) werden dafür sorgen.

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erstellt am 04.Sep.2015 | 10:41 Uhr

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