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Ostholsteiner Anzeiger

20. Oktober 2017 | 04:07 Uhr

Nationalspieler zwischen den Pfosten

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Gründungs-Handballmannschaft des Polizeisportvereins Eutin trifft sich jedes Jahr zum Austausch von Erinnerungen – und gedenkt ihres Torwarts Rudi Delfs

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erstellt am 30.Mai.2014 | 14:24 Uhr

Selbst die damals schon starke Handballmannschaft des THW Kiel hat vor rund 50 Jahren gegen diese Eutiner Handballer verloren. Der damals noch junge Polizeisportverein Eutin sorgte zwischen 1959 und 1965 für sportliche Schlagzeilen. Mit der Landespolizeischule zogen auch Klassehandballer nach Eutin, die selbst der Kieler Handball-Legende Hein Dalinger Respekt einflößten. Die Spieler kamen aus allen Teilen Schleswig-Holsteins, halten aber nach wie vor zusammen. Sie treffen sich jedes Jahr, um sich gemeinsam an die großen Spiele zu erinnern. „Wir hatten viel Spaß und haben tolle Reisen unternommen“, blickt Wolfgang Rodenberg zurück. 2014 kamen die Sportler in Malente zusammen.

Mannschaftskapitän Wolfgang „Wolle“ Rodenberg ist heute 82 Jahre alt. Er begrüßte in diesem Jahr elf sportliche Wegbegleiter. Die Eutiner Handballer marschierten unaufhaltsam durch die Ligen. „Wir mussten ja als neu gegründeter Verein ganz unten anfangen“, blickt Rodenberg zurück. Der herausragende Spieler der PSV-Ära war der Torwart. Rudolf „Rudi“ Delfs war im Feld- und Hallenhandball kaum zu überwinden, er wurde Nationalspieler und absolvierte rund 40 Länderspiele. „Rudi Delfs hat sich immer voll reingeworfen. Wenn wir auf dem Grandplatz gespielt haben, waren seine Beine vollkommen aufgeschürft“, erinnert sich Wolfgang Rodenberg.

Bei der Europameisterschaft 1964 in Rumänien wurde er mit der deutschen Mannschaft Vierter, in der deutschen Mannschaft spielte unter anderem Ausnahmehandballer Herbert Lübking, damals Grün-Weiß Dankersen. „Mit seinen Leistungen hat Rudi Delfs nicht nur auf sich, sondern auch auf uns aufmerksam gemacht. Wir haben viele Turniereinladungen bekommen und gegen außerordentliche Gegner gespielt, wie die ungarische Mannschaft von Ferencvaros Budapest oder Fram Reikjavik aus Island“, sagt Wolfgang Rodenberg. „Wir waren sehr gut eingespielt“, erinnert sich Manfred Zeitz, der genau wie Wolfgang Rodenbach auch heute noch in Eutin lebt. „Wenn Rudi Delfs den Ball gehalten hatte, hat er sofort den langen, genauen Pass gespielt, den Manne Zeitz sicher gefangen und im gegnerischen Tor untergebracht hat“, weiß Wolfgang Rodenberg. „Das haben wir oft trainiert, Rudi hat meinen Laufweg genau gekannt“, ergänzt Zeitz. Rudi Delfs starb 2002 plötzlich an einem Herzinfarkt.

Als junge Polizisten hatten die Eutiner Handballer einen Riesenvorteil auf ihrer Seite. „Wir haben beinahe täglich trainieren können und waren körperlich enorm fit“, berichtet Kapitän Rodenberg. Während beim Feldhandball – Elf gegen Elf auf dem Fußballfeld – die meisten Mannschaften eine Raumdeckung spielten, setzten die Eutiner auf Manndeckung. „Wir waren so gut trainiert, dass wir jeden Gegner sofort unter Druck gesetzt haben. Die aufwendige Manndeckung konnte sonst kaum ein Team durchstehen“, ergänzt Manfred Zeitz.

Manchmal griffen die Handballer des jungen Polizeisportvereins Eutin zu einer List. „Wir haben vor einem Aufstiegsspiel bei Post Kiel beim Warmspielen einen anderen Mitspieler mit Wolle Rodenberg angesprochen“, erinnert sich Manfred Zeitz. Die Gegner wussten um die Wurfgewalt des Eutiners, nahmen ihn vermeintlich in Manndeckung. „Als die Kieler kapiert haben, dass sie den Falschen am Wickel hatten, hatte Wolle schon vier Dinger versenkt“, erzählt Zeitz und lacht. Die PSV-Handballer der fünfziger und sechziger Jahre waren eine reine Polizeiauswahl. „Wir waren fast alle in der 1. Hundertschaft“, sagt Zeitz. Die meisten Eutiner waren auch bei deutschen Polizeimeisterschaften erfolgreich, sie bildeten mit Kollegen aus Kiel und Lübeck die Schleswig-Holstein-Auswahl. „Ich habe eine komplette Medaillensammlung mit Gold, Silber und Bronze im Schrank“, sagt Wolfgang Rodenberg.

Zum Aufstiegsspiel gegen St. Georg Hamburg pilgerten rund 1000 Zuschauer zum Sportplatz Hubertushöhe, um den PSV zu unterstützen. Die Spielvorbereitung der Handballer wäre für eine heutige Spitzenmannschaft unvorstellbar. „Wir haben uns eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff getroffen, den Platz gekreidet, die Tornetze aufgehängt und die Eckfahnen gesteckt“, blickt Wolfgang Rodenberg zurück. Als Trainer hatten „Kalli“ Lohse, Rudolf Alexius und Horst-Günther Schneider das Sagen. Schneider kam eigentlich aus Lübeck, war ein erstklassiger Schiedsrichter, der für den LBV Phönix Lübeck pfiff und unter anderem das Endspiel der Hallenhandball-Weltmeisterschaft 1964 in Prag zwischen Rumänien und Schweden leitete, das die Rumänen 25:22 gewannen.

Die große Zeit dieses Handballteams war in den Jahren 1959 bis 1964. In den sechziger Jahren fiel die Mannschaft nach und nach auseinander. Die Spieler veränderten sich beruflich, Kapitän Rodenbach ging zur Kripo und wechselte zum VfB Lübeck, Manfred Zeitz zog es zu Holstein Kiel, andere gingen zum Flensburger TB oder nach Büdelsdorf.

Wolfgang Rodenberg hat selbstverständlich auch das Champions-League-Finale am Bildschirm verfolgt: „Ich habe den Flensburgern den Sieg gegönnt. Sie haben gekämpft wie die Löwen, die Kieler waren in der zweiten Halbzeit körperlich einfach platt.“ Besonders gefällt dem Eutiner SG-Trainer Ljubomir Vranjes: „Der hat schon als Spieler viel Übersicht gezeigt. Und er hat seine Mannschaft im Endspiel toll unterstützt.“ Genauso wie die Trainer, die in den Fünfzigern und Sechzigern Bestleistungen aus den Eutiner Polizeihandballern herausgekitzelt haben.

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