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Ostholsteiner Anzeiger

20. Oktober 2017 | 06:23 Uhr

„Nabil ist ein Glückstreffer“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

25-jähriger Syrier macht bei Friseurmeisterin Ursula Ahrens eine Ausbildung / Langer Weg bis zu Formfönen und Co.

von
erstellt am 12.Apr.2017 | 13:16 Uhr

Haarfarben mischen, auftragen, am Modell Frisuren ausprobieren: Bei Nabil Othmany sitzt jeder Handgriff. Der 25-Jährige begann im Oktober 2016 eine Ausbildung bei Friseurmeisterin Ursula Ahrens in ihrem Eutiner Salon „Take Five“. Das Besondere daran: Nabil ist aus Syrien geflüchtet, er hat noch nicht genügend Deutschkenntnisse, um in die Berufsschule zu gehen. Seine Chefin darf ihn ausbilden, weil sie einen Einstiegsqualifikationsvertrag unterschrieben hat, der bei der Handwerkskammer in die Handwerksrolle eingetragen ist. „Damit gewährleiste ich, dass Nabil bei mir die für das erste Lehrjahr übliche Fachpraxis in Theorie und Praxis lernt, ohne die Berufsschule zu besuchen“, erklärt die 62-Jährige das Verfahren, für das sie einen Ausbildungsplan erstellen musste. Nabil lebt bereits seit Ende 2015 in Eutin und hat eine Aufenthaltserlaubnis bis 2019, für ihn einen Platz in einem Deutschkursus zu bekommen, erwies sich laut Ahrens als sehr schwierig. „In Eutin in der Grone-Schule hätte er bis Juli 2017 warten müssen, in Malente beim CJD hat es endlich geklappt.“

„Das ist mein Traum“, sagt Nabil auf die Frage, wie ihm die Ausbildung gefällt: „Es ist sehr ok“, strahlt er. Alles begann 2016, als ein Flüchtlingshelfer in den Salon kam und fragte, ob er zwei Männer für ein Praktikum schicken dürfe, erinnert sich Ahrens. Nabil, der zuvor in Syrien in einem Büro, im Autogroßhandel sowie im Obstgroßhandel gearbeitet hatte, begann im Juni ein dreimonatiges Praktikum. Über 60 Lehrlingen hat Ursula Ahrens im Laufe ihres Berufslebens das Handwerk beigebracht und Jungkräfte fortgebildet, und eigentlich habe sie nicht mehr ausbilden wollen. „Aber als ich sah, was er drauf hat, habe ich wieder Lust bekommen. Manche Sachen kann man nicht lernen, die sind einfach da. Er hat eine gute Hand für dieses Handwerk, hat Einfühlungsvermögen für Menschen, Formgefühl, Geschick, Chic und Geschmack“, ist Ahrens voll des Lobes. „Er ist ein Glückstreffer.“

Den ganzen September habe sie gebraucht, die Einstiegsqualifikation durchzukriegen, telefonierte mit Arbeitsagentur, Jobcenter, Handwerkskammer, Kreishandwerkerschaft. Das Problem dabei: „Von dieser Möglichkeit, die auch für Menschen mit Handicap besteht, weiß kaum jemand. Einen Teil der Sozialversicherungskosten trägt die Arbeitsagentur, um den Einstieg für Betriebe leichter zu gestalten.“ Mit ihrem Schützling, der mit seinem Bruder Maged (19) und einem Cousin nach Eutin kam, übt die Chefin ganze Sätze: „Möchten Sie einen Cappuccino, bitte?“ oder „Ist das Wasser warm?“ Sie brauche Leute mit guter Schulbildung, damit sie vollständige Sätze herausbringen. Die Konversation wird auf Deutsch und Englisch geführt.

Nabil erledigt bereits viele kassierbare Arbeiten an Kunden, zum Beispiel Augenbrauen und Wimpern färben und formen, Tönen und Ansatzfärbung führe er kompetent aus, trainiert Foliensträhnen, Steckfrisuren, Dauerwelltechniken und Haarschnitte und Formfönen an lebenden Modellen und Puppenköpfen. Haarentfernung mit einem Faden habe sie ihm beigebracht. „Da er eine gute Hand hat, lasse ich ihn machen, um die Kreativität nicht zu unterdrücken, er muss selbst erleben und ein Gefühl dafür bekommen, was das Haar kann“, beschreibt Ursula Ahrens. Mit Erfolg: Die Modelle hätten schon begonnen, ihn weiter zu empfehlen, freut sich die Chefin. Auch Kundin Waltraud Röhl, die sich von Nabil die Haare färben lässt, ist zufrieden mit seiner Arbeit. „Ich fühle mich gut aufgehoben, das hat er sehr umsichtig und gut gemacht“, sagt sie.

Ab Oktober, wenn Nabil genug Deutsch gelernt hat, wird er die Berufsschule besuchen. „Mensch bei Mensch war immer mein Motto“, erzählt Ursula Ahrens davon, dass sie schon in jungen Jahren bei ihrem Studium der Informationstechnik in Hamburg und in ihrer WG Menschen anderer Kulturen kennengelernt habe. „Ich kann nicht weggucken, ich interessiere mich für Menschen.“ Ihr ist es wichtig, dass auch andere Betriebe auf die Idee kommen, mit der Einstiegsqualifikation Geflüchtete auszubilden und ihnen zu helfen, ihren Weg zu finden. „Das ist für beide Seiten von Vorteil, es sind voll motivierte Menschen, die dringend eine Ausbildung machen möchten.“

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