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Ostholsteiner Anzeiger

18. August 2017 | 18:46 Uhr

Mystischer Fund in der Kalahari

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Zu Beginn der Vogelberingung gab es amüsante Ereignisse bis hin zu diplomatischen Verwicklungen

Prof. Dr. Johannes Thienemann ( 1863 – 1938) war 30 Jahre Leiter der Vogelwarte Rossitten auf der Kurischen Nehrung. Zu seinen Forschungsaufgaben gehörte natürlich auch die Beringung der Zugvögel. Diese Tätigkeit begann in Europa zu allererst durch den dänischen Lehrer Mortensen im Jahre 1899 – steckte also damals noch in den Kinderschuhen und war besonders in fernen Ländern unbekannt. Bei der Auffindung von Vögeln, die mit einem Ring gekennzeichnet waren, ergaben sich zum Teil höchst amüsante Geschichten, die der Institutsleiter überliefert hat.

Ein Trupp Buschleute streifte um 1910 durch die Kalahari-Wüste und erbeutete Weißstörche mit Wurfkeulen. Man entdeckte an einem der Vögel einen glänzenden Ring am Ständer; entsetzt und erschreckt liefen die Jäger auseinander, nachdem sie die Vögel liegen gelassen hatten. Ein beherzter Buschmann kam aber zurück und streifte den Ring ab.

Von diesem „mystischen“ Fund hörte ein europäischer Kaufmann, veröffentlichte diesen Fall in einer englischen Zeitung, die auch in Südafrika gelesen wurde, und letztendlich landete der Ring wieder in Rossitten, wo der ostpreußische Storch auch beringt worden war.

Eingeborene hatten im Oktober 1906 im mittleren Nordafrika Schlingen zum Vogelfang aufgestellt, in die ein Weißstorch geriet. Mit dem Ring am Bein konnten sie nichts anfangen und brachten diesen zu ihrem Sultan, der auch keinen Bescheid wusste, so dass das Metall bei einem Leutnant eines französischen Militärpostens landete. Der schickte den Ring in einem Briefumschlag mit der Anschrift „Madame Vogelwarte Rossitten, Germanie, Nr. 85“, der sein Ziel erreichte.

Im Dezember 1910 erhielt die Vogelwarte Nachricht von einem Ringfund, geschrieben in der Zulu-Sprache unter Beifügung einer von einem Missionar gefertigten Übersetzung. Der Farbige beklagt sich in seinem Schreiben, dass er einen weiten Weg zur „Magistratur“ habe zurücklegen müssen, um den Ring abzugeben; er könne unmöglich seine kostbare Zeit unnütz verbringen und verlange einen Lohn dafür. Die Vogelwarte hat daraufhin ein Trinkgeld nach Südafrika geschickt...

Als in der ersten Zeit der Beringungsversuche gekennzeichnete Lachmöwen von der Kurischen Nehrung in Frankreich bei Lion geschossen wurden, übersetzte man das Wort Vogelwarte mit „Wachtvogel“ oder „Festungsvogel“ und knüpfte daran die Vermutung, dass die östlichen Nachbarn Möwen wie Brieftauben als Kriegsboten ausgesandt hätten. Andere deuteten den Ringfund als Hilferuf eines verunglückten Menschen oder eines Schiffes mit dem Namen „Rossitten“.

Manchmal wurden auch Behörden mit einem Vogelringfund nachhaltig beschäftigt: Ein in Mecklenburg beringter Sperber wurde in Spanien erbeutet. Die Nachricht gelangte von der Deutschen Botschaft in Spanien über das Auswärtige Amt in Berlin und das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung an die Deutsche Ornithologische Gesellschaft und von dort an die Vogelwarte Rossitten. In einem weiteren Fall gelangte 1912 ein Möwenring aus dem Nordwesten Frankreichs – wo der Vogel von einem Fischer erlegt worden war – an die französische Marine, von dort an die Kaiserliche Deutsche Botschaft in Paris, dann über das Büro des Reichskanzlers in Berlin zum preußischen Kultusministerium, von dort an das Königliche Zoologische Museum in Königsberg – der Ring war dann fast genau einen Monat nach dem tödlichen Schuss wieder in Rossitten.

Dieser kleine Ring hat also zwei weite Reisen gemacht: Zunächst am Fuß der Möwe quer durch Europa und zurück von Schreibstube zu Schreibstube.

1921 wurde in Südspanien ein Star geschossen, der seinen Ring bei Leipzig erhalten hatte. Der Schütze heftete diesen besonders kleinen Ring mit einem schwarzen Zwirn an eine offene Postkarte mit der Aufschrift „Prussia, Vogelwarte Rossitten“. Trotz der damals politisch unruhigen Zeiten kam die Sendung komplett an, also samt Ring. Ein beringter Adler wurde 1911 in Bulgarien geschossen, und der Schütze staunte nicht schlecht, darauf „Vogelwarte Rossitten 1285“ zu lesen. Er initiierte einen Zeitungsbeitrag mit dem Inhalt, dass er einen 626 Jahre alten Greif gestreckt habe...






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erstellt am 05.Sep.2014 | 13:44 Uhr

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