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Ostholsteiner Anzeiger

24. November 2017 | 05:03 Uhr

Musik ist etwas Göttliches

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2016 | 12:50 Uhr

„Papa, das ist ja wie eine Kirche unter freiem Himmel“, sagt mein sechsjähriger Sohn zu mir. Wir streifen gerade durch den „Garten am frischen Wasser“ auf der Landesgartenschau und erkunden, was es da alles zu sehen und zu erleben gibt. Längere Zeit verbringt mein Sohn am Brunnen nahe dem Eingang, fasziniert von dem Wasser, das dort in einem stetigen Strom an den Seiten des Granitsteins herabfließt. Als wir dann weiter auf das große Holzplateau unter den riesigen Federbuchen gehen, auf dem ein Holzaltar steht, entfährt meinem Sohn dieser Satz. Ganz begeistert ist er von dieser Idee einer Kirche, die sich im Freien ausbreitet, inmitten der Bäume, Vögel und Pflanzen des Gartens.

Mein Sohn teilt seine Begeisterung mit vielen Besucherinnen und Besuchern, die in den ersten Tagen der Landesgartenschau an dem Kirchgarten vorbeigekommen sind. Viele der Menschen, die auf dem Weg vom Schlossgarten zum Seepark dort vorübergehen, werfen einen Blick in unseren Garten, lassen die dortigen Stationen auf sich wirken, schreiben ein Wunsch oder ein Gebetsanliegen auf, kommen mit den Gartenhüterinnen und Gartenhütern ins Gespräch oder nehmen an den Andachten teil, die hier gefeiert werden.

Zweimal am Tag – einmal mittags um 12 Uhr und einmal abends um 17 Uhr – findet dort eine kleine Besinnung statt: Ein Lied, eine kurzer Gedankensplitter oder ein biblischer Text, ein Vaterunser und ein Moment der Stille. Eine gute Möglichkeit innezuhalten ist das, für einen Moment auszusteigen aus dem Trubel der Landesgartenschau oder – als Eutiner mit Dauerkarte – in der Mittagspause oder nach Feierabend kurz dort vorbeizuschauen.

Die Stille während dieser Auszeit ist allerdings nicht wirklich still: Sie ist vielmehr gefüllt mit Geräuschen: Die Klänge anderer LGS-Veranstaltungen klingen leise über den See, das Horn der kleinen Fähre, Musik von der Bühne und dazu der Gesang der Vögel in den Bäumen über einem. Von dem Heiligen Franz von Assisi erzählt man sich, er habe den Vögeln gepredigt. Hier im „Garten am frischen Wasser“ kommt es mir genau andersherum vor. Es scheint so, als würden die Vögel predigen. Es tut gut, dort zu sitzen und ihnen zuzuhören. Es tut gut, sich diese Unterbrechung zu gönnen. Einfach nur da sitzen, kurz abschalten, loslassen, was einen beschäftigt und zur Ruhe kommen in dieser Kirche, die kein Dach hat, außer den beiden Bäumen und dem weiten Himmel, der sich über ihr wölbt.
Pastor für Männer- und Familienarbeit im Kirchenkreis Ostholstein


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