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Ostholsteiner Anzeiger

17. August 2017 | 19:56 Uhr

Morgens vor der Arbeit erst ein Gebet

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Es ist jetzt gut vier Wochen her, dass ich nach ungefähr elf Stunden überwiegend schlaflosem Flug südafrikanischen Boden betreten habe. Da habe ich noch nicht wirklich realisieren können, dass ich auf der anderen Seite der Welt bin und hier ein ganzes Jahr verbringen werde. Im vergangenen Monat habe ich so viel Neues kennen gelernt, dass sich die Zeit seit meiner Ankunft viel länger anfühlt.

Bei unserer Ankunft in Mamelodi, einem Township in der Nähe von Pretoria, wurden Vincent und ich mit einem Braai empfangen. „Einen Braai haben“ bedeutet so viel wie grillen und wird hier fast zu jeder Gelegenheit veranstaltet.

Vincent ist mein Projektpartner bei Tateni, einer gemeinnützigen Organisation, die sich um bedürftige Menschen, vor allem Kinder, in Mamelodi kümmert. Gemeinsam soll die Spirale der Armut durchbrochen werden.

Bevor um 8 Uhr der Arbeitstag beginnt, versammeln sich alle Mitarbeiter. Wir singen gemeinsam, jemand liest eine kurze Geschichte aus einem religiösen Büchlein vor, und schließlich beten wir das Vater Unser. Die meisten Südafrikaner sind sehr gläubig.

In der ersten Woche gab es noch nicht so viel für uns zu tun. Deshalb haben Vincent und ich aus eigenem Antrieb ein kleines Beet im Garten angelegt, in das wir Spinat, Kartoffeln und Tomaten gepflanzt haben. Des weiteren haben wir versucht, einen Überblick über die Arbeit im Büro zu gewinnen und bei Schwierigkeiten mit der Software geholfen.

In der zweiten Woche hatten wir dann die Gelegenheit, die Arbeit in den sieben Drop-in-Zentren kennenzulernen. In diesen Tagesstätten werden den Kindern aus den umliegenden Schulen ein warmes Essen und eine abwechslungsreiche Nachmittagsbetreuung angeboten. In St. Francis gibt es sogar eine Support-Gruppe für Jugendliche, die dort verantwortungsbewusstes Handeln lernen und das Erlernte an ihre Geschwister weitergeben sollen.

Die Woche darauf waren wir viel mit dem Auto von Tateni unterwegs, um Nahrungsmittelspenden von Supermärkten abzuholen und Sozialarbeiter zu den weiter entfernten Drop-in-Zentren zu bringen. An den Linksverkehr und das Schalten mit der linken Hand haben wir uns schnell gewöhnt. Nur den Abbiegevorgang haben wir anfangs beide noch mit der Scheibenwischanlage statt dem Blinker angezeigt, da auch diese Hebel in den meisten Autos spiegelverkehrt angebracht sind. Außerdem ist es ratsam, immer ein Auge auf die Sammeltaxen zu haben, die die nicht vorhandenen öffentlichen Verkehrsmittel ersetzen. Diese stoppen nämlich manchmal unvermittelt auf der Straße, um weitere Fahrgäste einzusammeln.

Letzte Woche haben Vincent und ich während der Schulferien bei einem Camp als Betreuer geholfen. In diesem Camp mit dem symbolträchtigen Namen „Bridges Camp“ sind sich Kinder mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen begegnet. Durch gemeinsame Spiele, Aktivitäten und Workshops haben wir es offenbar geschafft, gegenseitige Vorurteile zwischen den Kindern abzubauen und sie zu einem Team zusammenwachsen zu lassen.

Jedes Jahr kehren auch Teilnehmer von den vorherigen Camps zurück. Sie haben die Aufgabe, die Betreuer zu unterstützen, indem sie einen Teil der Spiele planen und leiten. Es ist eine gute Möglichkeit für sie, ihr bereits erworbenes Wissen weiterzugeben. Außerdem sollen sie in einem geschützten Rahmen lernen, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Auch wenn es eine Zeit mit wenig Schlaf war, habe ich sie trotzdem sehr genossen und neue Erfahrungen gemacht.

Die Rugby-Weltmeisterschaften stoßen in Deutschland vermutlich auf wenig Interesse, die Stimmung hier in Südafrika ist ähnlich wie wohl bei der Fußballweltmeisterschaft. Vincent und ich haben uns inzwischen ein Trikot von den Springboks, so wird die südafrikanische Nationalmannschaft genannt, besorgt.

Leser, denen unsere Arbeit gefällt und die sie unterstützen möchten, können das mit einer Spende. Momentan sammeln wir für eine Weihnachtsfeier für alle Kinder aus den Drop-in-Zentren. Alle sollen ein kleines Geschenk bekommen. Die Eltern haben nämlich meist nicht genügend Geld, um ihren Kindern etwas zu kaufen. In meinem nächsten Berichten wird sicher stehen, was die Spende bewirkt hat.

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erstellt am 21.Okt.2015 | 12:06 Uhr

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