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Ostholsteiner Anzeiger

24. Oktober 2017 | 01:06 Uhr

Morgens um 4 Uhr ist die Nacht vorbei

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

von
erstellt am 17.Dez.2015 | 00:32 Uhr

Seit einem Monat leben meine Kommilitonin und ich in Khartum, der Hauptstadt Sudans. Unser Ziel: Arabisch lernen und in eine vollkommen fremde Kultur eintauchen. Erstes Fazit: So richtig angekommen sind wir noch lange nicht.

Bukra inshallah – „Morgen, so Gott will“. So lautet die Standardfloskel, mit der uns Mitarbeiter des Arabisch-Instituts an der islamischen Afrika-Universität immer wieder vertrösteten, als wir uns nach unserer Ankunft um unsere Einschreibung bemühten. Nach einer Woche fanden wir zufällig heraus, dass das Semester bereits vor zwei Monaten begonnen hatte – wir also viel zu spät mitten ins Semester geplatzt sind.

Für unseren Hinweis auf die falschen Informationen auf der englischsprachigen Website und auf unsere Versuche, per E-Mail Kontakt aufzunehmen, ernteten wir ausnahmslos verständnislose Blicke. Auch die Lehrerinnen waren nicht gerade begeistert, uns Nachzüglerinnen in ihre Kurse zu lassen, doch wir beharrten auf einem Platz im Fortgeschrittenenkurs.

Neben arabischer Grammatik werden den Studentinnen am Arabisch-Institut an fünf Tagen in der Woche die islamische Glaubenslehre, die Biographie des Propheten Mohammad und seine vorbildliche Lebensweise vermittelt. Auch Koranrezitation steht auf dem Stundenplan.

Unterrichtssprache ist Hocharabisch, das wir seit drei Jahren an der Universität Hamburg lernen. Der Kurs ist bunt gemischt, die meisten Studentinnen kommen jedoch aus anderen afrikanischen Ländern wie Tansania, Kenia oder Nigeria. Die meisten Mädchen wurden sehr konservativ islamisch erzogen und von ihren Familien in den Sudan geschickt – viele Gleichaltrige sind bereits verheiratet und haben Kinder.

Der einjährige Kurs dient als Vorbereitung für ein Studium an der islamischen Universität. Außer einer Norwegerin sind wir die einzigen Europäerinnen dieses Semesters. Männer sind auf dem Campus verboten, dafür sind Kopftuch und Abaya Pflicht. Abaya ist ein mantelartiges schwarzes Gewand, das den ganzen Körper bedeckt.

Gewöhnungsbedürftig für uns sind nicht nur die Kleiderordnung, sondern auch die Lehrmethode: Frontalunterricht, Nachsprechen, Auswendiglernen. Der Umgangston ist sehr streng und autoritär. Einen geregelten Stundenplan gibt es nicht – und wovon abhängt, um welche Uhrzeit die Lehrerinnen kommen, haben wir bis jetzt noch nicht herausgefunden. Unser anerzogenes Zeitverständnis ist etwas, was wir hier im Sudan schnell abzulegen gelernt haben.

Unsere Wohnung liegt im belebten Viertel al-Amaraat im Zentrum Khartums: ein geräumiges Wohnzimmer mit Sitzecke und Esstisch, zwei große Schlafzimmer, eine helle Küche, Badezimmer und zwei Balkone. Die zentrale Lage hat ihre Vorteile wie eine Einkaufsstraße mit vielen Läden in fußläufiger Nähe und eine gute Verkehrsanbindung, aber auch ihre Tücken.

Ich fand total praktisch, dass der Flughafen Khartums mitten in der Stadt liegt – bis wir direkt an der Flughafenstraße einzogen. Ab 4 Uhr morgens starten und landen Maschinen genau auf unserer Höhe. Auf der anderen Seite ragt das raketenförmige Minarett einer Moschee in die Höhe, deren ohrenbetäubender, blecherner Gebetsruf um 5.45 Uhr jeden endgültig aus dem Bett wirft, der nach dem ersten Schock wieder eingedöst ist. Der Vorteil ist, dass man keinen Wecker stellen muss und sogar Morgenmuffel wie ich plötzlich ausreichend Zeit zum Frühstücken haben.

Ich hatte mich vor unserer Ankunft über Khartum informiert: Sie gilt als eine der sichersten Hauptstädte des afrikanischen Kontinents. Doch es gibt Dinge, die stehen in keinem Reiseführer.

Unsere Wohnung liegt an einer sechsspurigen Straße. Zebrastreifen oder Fußgängerampeln? Fehlanzeige. So schicken wir jeden Morgen ein Stoßgebet gen Himmel, schließen die Augen und versuchen, so schnell wie möglich die andere Seite zu erreichen, ohne überfahren zu werden. Achtsamkeit ist aber auch dort gefordert, um nicht in eine der unzähligen, metertiefen Kanalisationslöcher zu fallen, die wahllos in den Gehwegen Khartums klaffen.

Erschwert wird die Fortbewegung morgens zusätzlich von der Abaya. Elegant sieht sie nur so lange aus, wie man aufrecht steht – oder anders gesagt: Bis man in den Bus steigt. Mittlerweile haben wir eine Art Routine entwickelt. Oberstes Ziel: Nicht stolpern. Nicht einfach, wenn man in einen völlig überfüllten Bus klettert, sich einen Weg zu einem Platz bahnen muss und am Ende beim Aussteigen wieder über die Sitze steigen muss. Ich trete dabei jedes Mal auf den Saum meines Überwurfs und muss aufpassen, nicht kopfüber auf der Straße zu landen.

Doch bei allen Hindernissen hat unsere Aufmachung zwei klare Vorteile: Mit Kopftuch werden wir nicht für Europäerinnen, sondern für Türkinnen gehalten und so viel weniger beachtet. Und zum Zweiten muss man sich morgens keine Gedanken über seine Frisur machen.

Als Frau kommt man im Sudan günstig über die Runde, denn man wird ständig eingeladen. Unternimmt man etwas mit Freunden, zahlt immer der Mann. Eine Freundin erzählte uns: Selbst wenn ein Mann mit fünf Frauen unterwegs wäre und nicht genug Geld dabei hätte, würde der Verkäufer ihm eher den gesamten Betrag erlassen, als eine Frau bezahlen zu lassen.

Das typische sudanesische Gericht sind Ful – gekochte Bohnen – mit Brot und Falafel. Ein typisches Nachtleben gibt es nicht, doch trotzdem ist immer viel los. Fast jeden Abend gibt es Konzerte im Freien oder man trifft sich mit Freunden an der Nilstraße, um Tee mit Milch und viel Zucker zu trinken und Zalabia zu essen – in Öl gebackene und in Zucker gerollte Hefeteigbällchen, wahlweise auch mit Honig, Schokolade oder Puderzucker.

So richtig angekommen bin ich noch nicht in Khartum. Dort, wo sich der Blaue und Weiße Nil treffen, bevor er nach Norden in Richtung Ägypten fließt. Eine Großstadt, in der sämtliche ethnische Gruppen Sudans aus allen Teilen des Landes aufeinandertreffen und in der sich Investoren aus China und den Golfstaaten tummeln. In der hochpreisige Luxushotels und Malls genau so existieren wie bettelnde Kinder aus dem Westen Sudans, die auf der Straße leben.

Es herrscht ein strukturiertes Chaos, dem die Sudanesen mit stoischer Gelassenheit entgegentreten. Es ist eine konservative und in Teilen tief religiöse Gesellschaft, die uns gegenüber jedoch offen, freundlich, respektvoll und neugierig auftritt. Man kann sich als europäische Frau frei in Khartum bewegen, ohne sich unsicher zu fühlen. Wir können mit den jungen Sudanesen, die wir kennengelernt haben, über alle Themen offen diskutieren – Religion, Politik, Frauenrechte – auch wenn unsere Ansichten oft weit auseinander klaffen.

Noch kann ich mir kein ganzheitliches Bild der sudanesischen Gesellschaft machen. Ende Dezember werde ich in andere Landesteile reisen. Ich bin gespannt.

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