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Vorbildliches Engagement in der Gemeinde Malente : Miteinander statt Gegeneinander

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Rund 15 engagierte Bürger aus Krummsee und Umgebung unterstützen Flüchtlinge bei Behördengängen und unterrichten sie in der deutschen Spraxche.

Weltweit waren laut Schätzungen der Vereinten Nationen Ende vergangenen Jahres 59,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Sie fliehen vor Krieg, Verfolgung und extremer Armut – Tendenz steigend. Zugleich mehren sich Anzeichen von Anfeindungen und blankem Hass, der Flüchtlingen in Deutschland entgegen schlägt – bis hin zu Brandanschlägen auf Unterkünfte.

Dabei ist ein Miteinander möglich. Eines von vielen Beispielen liefern etwa 15 engagierte Bürger aus Krummsee und Umgebung. Vor zehn Monaten begannen sie mit der Begleitung von Flüchtlingen, die in Malkwitz und Krummsee leben und auf die Bearbeitung ihres Asylantrags warten. Vor allem bringen sie ihnen die deutsche Sprache bei.

Drei Mal wöchentlich drücken die Männer jeweils eineinhalb Stunden die „Schulbank“. Aufgaben wie Singular, Plural, Präposition, Modalverben, Adjektiv-Endungen lernen sie voller Begeisterung. Für sie ist es nicht nur eine neue Sprache, sondern es sind auch andere Schriftzeichen. Die Lernblätter sind aus dem Internet. Damit die Asylbewerber ihre Kenntnisse vertiefen können, konnten durch Spenden Lernbücher angeschafft werden. Der Erfolg kann sich blicken lassen. Nicht zuletzt, weil sie von ihren „Lehrern“, die zumeist Ruheständler sind, immer wieder aufgefordert werden „Sprich deutsch, bitte“.

„Wir haben die Verpflichtung, diesen Menschen zu helfen. Sie sind traumatisiert und versuchen, hier Fuß zu fassen. Dabei ist es egal, ob sie Kriegs- oder Wirtschaftsflüchtling sind“, sagt Gisela Henkel voller Überzeugung. Sie gab den Anstoß, sich für die Flüchtlinge zu engagieren. Vertrauen schaffen und sich wohl fühlen können, das sei wichtig. „Sie geben uns so viel Dankbarkeit zurück“, so Henkel.

Der pensionierte Lehrer Klaus Boeddecker ergänzt: „Wir machen das, was der Staat vermissen lässt. Bei den Behörden sind die Flüchtlinge nur eine Nummer, wir sehen sie als Personen.“ Und außerdem: „Deutschland braucht junge Menschen.“

Berührungsängste mit den Flüchtlingen ist in Krummsee überhaupt kein Thema. Das zeigte sich beispielsweise beim Dorffest, bei dem alle gemeinsam feierten. Damit die jungen Männer auch die deutsche Kultur kennenlernen, erhielt Gisela Henkel auf Anfrage von den Eutiner Festspielen Freikarten für die Operette „Der Vogelhändler“. Die Atmosphäre und Aufführung gefiel ihnen gut.

Die meisten der Flüchtlinge kommen aus Syrien und Afghanistan. Ihre Familien leben noch dort. „Das ist kein Leben“, sagt der 24-jährige Mohammed – halb auf Deutsch, halb auf Englisch – mit Blick auf die Zustände in seiner Heimatstadt Damaskus, wo er IT-Student war. Zustimmendes Nicken erhält er von seinen Landsleuten, dem Klima-Ingenieur Mazhar (30), dem Jura-Studenten Maher (24) und Majid (21), der zuletzt als Restaurantleiter tätig war. Auch der afghanische Übersetzer Ali (31), der seit drei Monaten zu der Flüchtlingsgemeinschaft in Krummsee gehört, hat eine lange Odyssee hinter sich.

Bei dem Gedanken an ihre Heimat werden sie ein wenig still. Denn der telefonische Kontakt zu ihren Familien ist nicht so häufig, wie sie es sich wünschten. Schließlich müssen sie mit ihrem Geld haushalten. Ihr derzeitig größter Wunsch ist ein Internetanschluss, um sich zum einen über Arbeitsangebote zu informieren und um über kostenloses Bildtelefon im Internet mit Familienangehörigen in Kontakt zu treten.

Viele von ihnen haben einen langen Fluchtweg hinter sich. Mohammed, der mit seinem Freund Maher aus Syrien kam, erzählt ihre Geschichte: Mit Erspartem flogen sie von Damaskus in die Türkei. Von Izmir aus fuhren sie mit einem Boot auf die kleine griechische Insel Mitalini und ließen sich bei der dortigen Polizei registrieren.

Zu Fuß machten sie sich von Athen über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich auf den Weg ins deutsche Passau. Von dort aus ging es per Zug nach Harburg. Aufgenommen wurden sie im zentralen Aufnahmelager in Boostedt. Insgesamt waren sie 25 Tage unterwegs. „In der Zeit haben wir uns nur von Schokoriegeln ernährt“, sagt Mohammed. Selbst heute mag er die Süßigkeit noch sehr.

„Wir sind alle Brüder und hier haben wir eine Mama und eine Oma“, sind sich die jungen Männer, von denen einer orthodoxer Christ und alle anderen Muslims sind, einig. Gemeint ist Gisela Henkel, die den jungen Männern wie eine Mutter zeigt, wie sauber gemacht und Ordnung gehalten wird. Ihr Mann Ulrich Henkel fungiert für einige als Vaterersatz und steht mit Rat und Tat zur Seite.

„Oma“ Annelene Asbach aus Fissau kümmert sich vorrangig um Administratives, begleitet bei Behördengängen und hilft den Männern nach positiv beschiedenen Asylanträgen bei der Suche nach einer Wohnung und Einrichtungsgegenständen. Zurzeit werde eine Wohnung für zwei von ihnen gesucht, informiert Irma Sonnenberg.

Und die Zukunft? Wie soll sie aussehen? Alle haben Wünsche, wie die meisten Menschen: Studieren, eine Ausbildung, in einem Beruf arbeiten und ein eigenes Zuhause, zu dem die Familie nachgeholt werden kann.

Den ersten Schritt in eine hoffnungsvolle Zukunft hat der 23-jährige Ramiz getan, der vor acht Monaten aus dem Kosovo nach Deutschland kam. Nachdem er intensiv Deutsch lernte, jobbt er jetzt in einem Restaurant. Der diplomierte Elektrotechniker hofft, dass er in Deutschland bleiben kann. Sein Berufsziel ist eine Ausbildung bei der Polizei. Und Maher wünscht sich: „Mein Traum ist es, in einem Porsche-Werk zu arbeiten“. Die meisten von ihnen möchten in die Großstadt, weil sie dort größere Berufschancen sehen.

Und was wünschen sich die engagierten Ehrenamtler? „Die Asylanträge müssen schneller bearbeitet werden“, sind sich alle einig. Maximal drei Monate ist die einhellige Vorstellung. Das Beste aber wäre, wenn sich die Lage in den Herkunftsländern verbessere, führt Gisela Henkel aus. Und was die Einrichtung in der Unterkunft angeht, hofft sie auf weitere Unterstützung. „Wir können noch Nachttische, Kühlschränke, Gardinen und Farbe zum Renovieren gebrauchen.“ Auch helfende Hände von Handwerkern würde die Räume „ein wenig heimeliger machen“.

 

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erstellt am 15.Aug.2015 | 17:00 Uhr

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