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Ostholsteiner Anzeiger

24. Oktober 2017 | 05:13 Uhr

Kreis Plön: : Mit dem Bus zum Einkaufen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Über den Alltag im Flüchtlingslager Schloss Salzau. Hier sind Deutschkurse gefragt und es fehlt an Kleidung.

von
erstellt am 12.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Es ist kurz nach 8 Uhr an diesem Morgen. Graue düstere Wolken hängen noch über dem ehemaligen Landeskulturzentrum im Kreis Plön, es hat geregnet in der vergangenen Nacht. Langsam nur erwacht das Leben in Schloss Salzau. Erste Flüchtlinge treffen sich vor dem Haus zu einer Zigarette auf den Stufen zum Schloss, reden, versuchen über das Handy eine Verbindung zur Heimat zu bekommen. Alltag in Salzau.

Die Stimmung in den alt-ehrwürdigen Räumen des Schlosses ist gelöst, Stimmengewirr, ein freundliches „Guten Morgen“ und ein Lächeln auf dem Weg durch die Gänge. Für viele ist es noch das einzige Deutsch, das sie können. „Wir sind voll belegt mit 320 Flüchtlingen aus zehn Nationen“, sagt Christian Pagel, der Flüchtlingsbeauftragte des Deutschen Roten Kreuzes. In den fünf großen Schlafsälen stehen je 30 Doppelbetten, in den 14 Einzelzimmern sind vor allem Frauen und Familien mit kleinen Kindern untergebracht. „Wir haben derzeit 20 Kinder unter sechs Jahren“. Sie wuseln auf den Gängen herum, sind völlig unbefangen und reden mit uns – auch wenn wir ihre Sprache nicht verstehen können.

Ein Spielzimmer gibt es mittlerweile mit jeder Menge Spielzeug. „Hier wollen wir nun auch eine kleine Kindertagesgruppe etablieren“, erläutert der DRK-Vertreter. Falls die Eltern mal zum Einkaufen wollen sei so eine Betreuung sichergestellt. Eine Tür weiter wird gerade der „Klassenraum“ für den Deutschunterricht aufgeschlossen. Die ersten drängen sich, sie wollen Deutsch lernen, zum Beispiel eine Familie mit zwei kleineren Töchtern im Grundschulalter, Vater und Mutter aber auch. „Deutsch für Anfänger ohne Vorkenntnisse“ steht in der Ankündigung, gut ein Dutzend Schüler haben sich eingefunden. Ehrenamtlicher Lehrer ist heute Peter Wiegner aus Schlesen, der Amtsvorsteher im Amt Selent-Schlesen war. „Ich bin Peter“, sagt er, „und wer bist du?“ Die Antwort klingt wie „Julia“ aber an der Tafel sieht es ganz anders aus: „Zhulia“ steht dort. Deutsche Sprache, schwere Sprache, aber sie wollen alle lernen.

„Ein Tante-Emma-Laden für das Notwendigste im Torhausbereich ist in Planung“, erläutert Christian Pagel, „ebenso eine Teestube“. Einen Arztraum gibt es schon, eine überörtliche Gemeinschaftspraxis will dort in Kürze regelmäßige Sprechstunden mit voller ärztlicher Betreuung anbieten. Die Flüchtlinge erhalten dafür Arztberechtigungsscheine.

Die Kleiderkammer in Salzau ist noch gut bestückt, doch es fehlt schon an warmen Sachen, sagt Pagel. „Was wir dringend brauchen, ist Kleidung für junge Leute, XL-Größen sind wenig gefragt.“ Erstmals wird es in diesen Tagen in Salzau einen zentralen Annahmetermin für Kleiderspenden geben.

Mittlerweile ist vor der Schloss-Zufahrt ein roter Linienbus der Vineta vorgefahren. Erstmals soll er Flüchtlinge zum Einkaufen nach Raisdorf bringen. Am Steuer des Buses sitzt Kay Pommer, der sich freiwillig für diese Fahrten gemeldet hat. Unterstützt wird er künftig von Omar Hasan, der aus dem syrischen Aleppo geflüchtet ist. Omar spricht schon fließend Deutsch und ist der ständige Busbegleiter. Er wird beim Einkaufen helfen und dolmetschen, wenn nötig.

Es dauert nicht lange, bis sich der Bus füllt. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen. Nach dreieinhalb Stunden Aufenthalt in Raisdorf geht es dann zurück nach Salzau. „Wir haben bereits einen Antrag auf Linienführung gestellt“, sagt Sven Wüst von der Vineta, noch sponsert seine Firma die Fahrten. Montag, Mittwoch und Freitag bietet die VKP parallel Einkaufsfahrten nach Schönberg an. „Wir haben den Schulverkehr entsprechend erweitert“, sagt VKP-Chef Friedrich Scheffer. Auch diese Fahrten werden entsprechend gut angenommen. Zwei zusätzliche Fahrten werden nun angeboten.

Merhan aus Afghanistan trägt eine orange-farbene Weste, die ihn als Dolmetscher ausweist. Er ist Ansprechpartner für viele, hilft wo er kann und gibt auch Deutsch-Unterricht. Wer nicht weiter weiß, wendet sich an ihn – oder einen seiner Kollegen. „Das größte Problem für viele war, dass die anfangs keinen Handy-Empfang hatten“, sagt er. Mittlerweile ist auch dieses Problem mit einem WLAN-Netz durch einen Funkturm gelöst. Alltag in Salzau.

„Wir gehen davon aus, dass viele wohl längere Zeit hier bleiben werden“, sagt Christian Pagel, denn Wohnraum im Kreis Plön ist knapp. Ohne das ehrenamtliche Engagement vieler aber wäre auch die Situation in Salzau nicht zu meistern. Offiziell gehen die Behörden davon aus, dass Salzau bis Ende März 2016 gebraucht wird. Salzau soll nur eine vorübergehende Flüchtlings-Notunterkunft und keine Erstaufnahmeeinrichtung sein. Auf der anderen Seite gibt es aber auch schon in Anbetracht der Zuwanderungszahlen konkrete Überlegungen, bis zu 700 Personen in das ehemalige Mutter-und-Kind-Heim in Selent zu bringen und die alten Mannschaftsblocks der Lütjenburger Kaserne wieder zu beziehen.

Als der Bus in Richtung Raisdorf an diesem Morgen abfährt ist er voll besetzt, einige müssen stehen. Für viele ist es die erste Fahrt nach Raisdorf, was sie dort erwartet wissen die meisten nicht. Sie haben aber gehört, dort soll es alles geben. Für Dolmetscher und Busbegleiter Omar Hasan wird es ein spannender Tag werden.

 

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