Malente : Mit dem Bürgerbus auf Tour

Am Bahnhof sammelt Fahrer Günther Jessen seinen ersten Fahrgast, Monika Hausberg, ein.
Am Bahnhof sammelt Fahrer Günther Jessen seinen ersten Fahrgast, Monika Hausberg, ein.

Auf einer Fahrt mit Günther Jessen, einem von 24 Fahrern, die von Montag bis Samstag ehrenamtlich Menschen in Malente befördern.

shz.de von
26. November 2018, 10:25 Uhr

Über den Bahnhofsvorplatz wehen Herbstblätter. Die Sonne hat ihre Kraft verloren, es ist kalt. Auf die Haltestelle geht eine ältere Dame zu. Dick verpackt, in lila Schal und passendem Mantel. Zweimal in der Woche fährt Monika Hausberg mit dem Bürgerbus zum Einkaufen, zur Haltestelle Markt oder Jägerberg. „Ich bin sehr dankbar, dass es den Bürgerbus gibt. Sonst ist man doch sehr abgeschnitten“, sagt die 77-Jährige.

Von Zeit zu Zeit unternimmt sie auch eine Rundtour, um sich die Umgebung, wie sie sagt „die schöne Holsteinische Schweiz“, anzusehen. Ein weißer Kleinbus hält an der Bordsteinkante. Hausberg steigt in den vorgeheizten Bus. Ihre Brille beschlägt. Fahrer Günther Jessen begrüßt seinen ersten Fahrgast für die Nordschleife und tritt aufs Gaspedal. Der Bus fährt über Kopfsteinpflaster. Es wackelt. Der 66-jährige Fahrer ist Rentner und fährt jede Woche ehrenamtlich mit dem Bürgerbus. „Man ist immer gut informiert“, erklärt er. Monika Hausberg steigt aus. „Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Tag!“, ruft Jessen ihr hinterher. „Wünsche ich Ihnen auch. Und Danke!“, sagt Hausberg. Jessen erwidert ihr: „Da nich’ für.“

Unterhaltsame Fahrten, etwas Gutes tun und schöne Strecken – Günther Jessen wirkt glücklich mit seiner Aufgabe. Er erzählt begeistert vom Projekt Bürgerbus, das die Versorgungslücke im Personennahverkehr schließen möchte. Meistens befördere er ältere Menschen mit dem „Lütten Lenter“, aber auch Schulkinder nutzten den kostenlosen Dienst für den Weg zum Sport, erklärt er. Jessen bremst und lässt den Wagen an der Haltestelle Schützenhof ausrollen. „Alles gut?“, fragt er seinen neuen Fahrgast. „Nee, kalt“, erwidert die 63-Jährige dem Fahrer karg und steigt in den warmen Wagen ein. Sie wirft Geld in die Spendenbox. „Das mache ich immer, das ist doch selbstverständlich“, sagt sie. Die Rentnerin fährt vier Mal in der Woche zur Senioren-Residenz. Hier arbeitet sie ehrenamtlich in der Tagespflege.

Zwischen den Bäumen blitzt die Sonne durch. Sie spiegelt sich auf dem Kellersee. Die 63-Jährige erzählt gerne von ihren Erfahrungen mit dem Bürgerbus, denn sie ist begeistert von dem Engagement des Vereins. „Auch außer der Reihe fährt der Bürgerbus“, sagt sie. Beispielsweise mit den Bewohnern des Seniorenheims fahre der Bus manchmal zum Einkaufen. Alles in Absprache mit dem Bürgerbus-Verein, sodass auch die Rückfahrt kein Problem darstelle, erklärt die 63-Jährige.

Jessen schaut auf ein Gebäude am Straßenrand. „Das soll jetzt abgerissen werden“, sagt er und meint damit das ehemalige Hotel zum Uklei. „Ja, habe ich auch gehört.“ Ein kurze Zeit der Stille, danach kommt das Gespräch auf den bevorstehenden Weihnachtsbesuch. Jessen interessiert sich für seine Fahrgäste. Und auch die Mitfahrer scheinen sich auf ihrer Bustour vorbei an Bäumen, Kühen und Schafen gerne zu unterhalten.

„Was ist hier denn los?“, unterbricht die 63-Jährige die gemütliche Plauderei. Zwei Männer in gelben Warnwesten stehen am Straßenrand. „Rohrbruch?“, antwortet Jessen fragend. Es rumpelt und der Wagen fährt über eine Kabelbrücke. „Manchmal ist das schon ein bisschen schwierig mit dem Wagen“, sagt Jessen. Aber eigentlich fahre sich der Kleinbus wie ein normaler Pkw, erklärt er. Die Fahrgäste seien immer sehr geduldig. Auch wenn an einer Haltestelle ein längerer Halt eingelegt werden müsse, beispielsweise bei Rollstuhlfahrern. „Ich glaube, unsere Pünktlichkeitsstatistik ist besser als die der Deutschen Bahn“, betont Jessen stolz.

Auf dem Rückweg von Neukirchen nach Sieversdorf fährt der Bus wieder über die Kabelbrücke. „Das ist aber extrem hier!“, sagt Jessen. An der nächsten Haltestelle hält der Bürgerbus. Mit einem roten „Hacken-Porsche“ im Schlepp steigt Antje Seiler in den Bus. Sie kann nicht mehr richtig sehen und ist deshalb nicht mehr in der Lage ein Auto zu fahren, sagt sie. Mit dem Bürgerbus fährt sie zur Krankengymnastik nach Malente. „Ich müsste sonst immer ein Taxi nehmen, und das wäre zu teuer“, sagt die 76-Jährige.

„Bis zum nächsten Mal“, verabschiedet sich Jessen von seinem zweiten Fahrgast des Tages. „Schönen Tag“, antwortet die 63-Jährige. Antje Seiler fährt noch bis zur Marktstraße in Malente weiter, dann steigt sie ebenfalls aus. „Lassen Sie sich nicht so doll quälen“, sagt Jessen zu ihr. „Nein, der quält mich nicht“, sagt Seiler. Ein paar Fahrminuten später ist die Tour der Nordschleife zu Ende. In acht Minuten fährt Günther Jessen weiter auf der Südschleife. Zurück kommt er bestimmt mit einigen Geschichten, Erzählungen und Erfahrungen mehr aus Malente und Umgebung.

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