Eutiner Festspiele : Milena Butaeva in brillanter Form

Kein Entrinnen: Das Schicksal von Azukena ist besiegelt.
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Kein Entrinnen: Das Schicksal von Azukena ist besiegelt.

„Der Troubadour“ ist zwar ein düsteres Drama, dennoch erleben die Gäste der Eutiner Festspiele einen norddeutsch herzlichen Opernabend.

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06. Juli 2014, 16:35 Uhr

Eutin | Jubel für ein düsteres Drama: Mit Giuseppe Verdis „Der Troubadour“ sind die Eutiner Festspiele in ihre 64. Saison gestartet. Das Premierenpublikum hat sich von Krieg, Gewalt und Hexenkunst nicht schrecken lassen, und selbst das brasilianische Viertelfinale mit deutscher Beteiligung konnte den Festspiel-Reiz nicht mindern. Am Ende gab es lauten Beifall für eine solide, wenn auch nicht innovative Inszenierung. Solide auch die Solisten, allerdings mit einer Ausnahme: Die Mezzosopranistin Milena Butaeva zeigte sich in ihrem Part als Azucena in so brillanter Form, dass sie ihre sechs Mitstreiter an die Wand sang und spielte.

Das Bühnenbild (Ursula Wandaress) zeigt es schon: Hier ist nichts mehr zu retten. Zwischen einsturzgefährdeten Aufbauten, die mal mehr, mal weniger geneigt die seelische Gemengelage spiegeln, spielt sich ein Drama ab, das selbst gutwillige Rezipienten als undurchdringlichen Seelen- und Umstandsdschungel empfinden müssen. Zwei Brüder, der gräflich erzogene, machtversessene Luna und der bei der Zigeunerin Azucena aufgewachsene Troubadour Manrico, geraten im Krieg und in der Liebe für Leonora in heilloser Feindschaft aneinander. Diese an sich schon allerlei Wirrnissen Tür und Tor öffnende Geschichte hat wiederum eine Vorgeschichte, die von der Trennung des Bruderpaares, von brennenden Scheiterhaufen und der Ursache aller Rachegelüste handelt. Wie Verdi schließlich dazu kam, dieses Libretto von Salvadore Cammarano mit teils beschwingten Melodien zu untermauern, wie ihm gar Ohrwürmer wie das „Le fosche notturne spoglie“ des sogenannten Zigeunerchors gelungen sind, die es zum Gassenhauer geschafft haben, oder wie ihm vor dem Hintergrund von Mord und brennenden Scheiterhaufen Arien wie Leonoras „D’amor sull’ali rosee“ oder das Terzett „Parlar non vuoi?“ einfallen konnten, ist vielleicht das größte Geheimnis dieser Oper. Gelüftet wird es auch in Eutin nicht.

„Räche mich, meine Tochter, räche mich!“ Festspiel-Intendantin Dominique Caron hat diesen Satz in ihrer ansonsten in italienischer Sprache gesungenen Eutiner Inszenierung einer vermummten Gestalt mitgegeben. So soll die finstere Vorgeschichte der Oper miterzählt werden, durchschaubarer wird das Geschehen mit diesem Kunstgriff indessen nicht. Mögen Kenner des Werkes ahnen, dass die Grünvermummte die im Feuer umgekommene Mutter der Azucena darstellt, so gerät diese Gestalt für Opern-Novizen zu einem weiteren Rätsel in der geheimnisvollen Troubadour-Fama. Auf der großen Bühne, die eigentlich ja nach lebhaftem Agieren ruft, bleibt Caron in ihrer Erzählweise ruhig. Das gibt den inneren Konflikten Raum, trägt indessen nicht zum leichten Verständnis bei.

Dem wahren Festspiel-Fan können solche Kleinigkeiten den Spaß aber nicht verderben. Der ist gekommen, um unvergessliche Melodien zu hören. Im Orchestergraben bändigt dafür Generalmusikdirektor Urs-Michael Theus Profis aus Hamburg, Lübeck, Lüneburg, Hannover sowie Studenten und Absolventen der School of Musik in Kansas zu einem Festspielorchester. Er tut dies jedes Jahr neu und deshalb routiniert und mit entsprechendem Erfolg. Dies kann kein Klangkörper sein, der über Jahre harmonisch gewachsen ist. Hier und da hört man das, hier und da ist die Mühe des Dirigenten zu sehen und gelegentlich gerät die Lautstärke außer Kontrolle und die Stimmen auf der Bühne ins Hintertreffen. Weil aber Eutin Eutin ist und eine Freiluftbühne keine Philharmonie, ist das kein Drama. Das Augen- und Ohrenmerk ist ohnehin auf die Bühne gerichtet, wo vorwiegend Achtbares zu erleben ist. Charles Kim kommt als sicher-selbstbewusster Troubadour daher, James Tolksdorf als grausamer Graf Luna, Romelia Lichtenstein als innig liebende Leonora, Christoph Woo als strammer Hauptmann, Annette Hörle als bezaubernde Hofdame, Tomasz Mysliwiec als gehorsamer Soldat und Bote. Solide auch die Leistung des erstmals in diesem Jahr von Carsten Bowien geleiteten Chores. Bloß die Butaeva schert aus und spielt die Zuschauer besoffen.

Alles in allem haben die Eutiner ihrem Publikum einen schönen Opernabend beschert – zwar keinen italienisch feurigen, wohl aber einen norddeutsch herzlichen. Dem Premierenpublikum hat’s gefallen. Und geregnet hat es auch nur wenige Tropfen im vierten Akt.

> Weitere Aufführungen: 12., 19. und 26. Juli sowie 2. und 8. August jeweils um 20 Uhr, am 6. August um 19 Uhr.

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