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Wahlkampf in Heiligenhafen : Merkels Millimeter-Politik

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Wahlkampfbesuch der Kanzlerin in Heiligenhafen: CDU-Chefin Angela Merkel fordert von Bürgern Offenheit für Neues.

von
erstellt am 15.Jul.2017 | 00:40 Uhr

Trump, Putin, Erdogan, Macron – kein Wort verliert sie über ihre Gesprächspartner jüngst auf der Weltbühne. Dafür redet Kanzlerin Angela Merkel gestern Nachmittag in Heiligenhafen die deutschen Bürger direkt an: „Bei der Bundestagswahl am 24. September geht es nicht um irgendwas Fremdes, sondern darum, wie es in den nächsten vier Jahren in Ihrem Leben weitergehen soll. Das können Sie mitbestimmen.“

So nüchtern die Kanzlerin den Appell, zur Wahl zu gehen, an die laut Polizei rund 2500 Zuhörer richtet, so geradlinig blättert sie vor der Seebrücke das Wahlprogramm ihrer Partei auf: mehr gut bezahlte Arbeitsplätze, aber auch Handlungsfreiheit für die Unternehmen, Steuersenkungen für kleine und mittlere Einkommen, schrittweiser Abbau des „Soli“, mehr Anstrengungen für die Bildung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, keine neuen Schulden.

Und den Frieden bewahren, indem der demokratische Zusammenhalt in Europa gestärkt wird. Die globale Flüchtlingskrise könne nur „Millimeter um Millimeter“ gelöst werden, durch den Kampf um erträgliche Lebensbedingungen für die Menschen in Kriegsregionen wie im Nahen Osten und in Afrika. Auf das, was Deutschland bei der Aufnahme von Hilfesuchenden seit 2015 geleistet habe, könne man stolz sein, schließt Merkel unter Beifall das heikle Kapitel ab.

In ihrem staatsbürgerlichen Unterricht ist der CDU-Chefin eines besonders wichtig: „Wir müssen neugierig sein auf das Neue, aber auch das bewahren, was uns lieb und teuer ist.“ Zum Beispiel die Jobs in der Autoindustrie. Die stehe vor riesigen Veränderungen, „aber wenn wir es richtig machen, müssen wir keine Sorge vor dem Verlust von Arbeitsplätzen haben“.

Denn die Globalisierung könne auch Gewinn bringen, wie sie gerade in einer Segelmacherei in Heiligenhafen erfahren habe: „Die haben Aufträge nach Sri Lanka vergeben und jetzt acht Beschäftigte hier mehr als vorher.“ Auch die Digitalisierung biete Chancen: „Wir werden Dinge nicht mehr von der Stange kaufen, sondern Autos nach Maß ebenso wie Kleidung.“

Diese Ankündigungen der CDU-Chefin lösen oft zustimmendes Nicken, aber kaum spontanen Beifall in der überaus freundlich gestimmten Menge aus. Klingt alles einladend vernünftig, kein bisschen parteilich verbiestert – ein Programm ohne großes Trara, so bodenständig wie die Kanzlerin eben wirkt – die CDU als Merkelpartei dressiert.

In dem Wahlprogramm stehe „viel Kluges drin“, hatte der CDU-Landesvorsitzende Daniel Günther zur Begrüßung gesagt. Das brachte ihm blitzschnell einen lauernden Seitenblick der Kanzlerin ein: Würde der junge Ministerpräsident jetzt etwa noch eigene Ideen dazugeben wollen? Nein, Günther hat nur eine Bitte an die Kanzlerin: Sie solle sich einsetzen für Abänderungen am pauschalen Fangverbot fürs Angeln im Fehmarnbelt. Merkels unverbindliche Antwort: „Wir werden in der Bundesregierung noch einmal darüber reden.“

In seinem Schlusswort treibt der ostholsteinische Bundestagsabgeordnete Ingo Gädechens das Publikum noch einmal zu dankbarem Applaus: „Ich mag mir gar nicht vorstellen, wo Deutschland stünde, wenn Angela Merkel nicht seit 2005 Bundeskanzlerin wäre.“ Er selber erweist sich als geschickter Organisator, indem er den als „Beltretter“ organisierten Gegnern der Festen Fehmarnbeltquerung Zugang zum streng gesicherten Bereich vor dem Rednerzelt eingeräumt hat. Auf die Zurufe der Beltretter reagiert Kanzlerin Merkel geübt: Zuerst zeigt sie sich dialogbereit, weicht beim zweiten Protestruf aber behände aus: „Sie hatten eine gute Chance, mit mir ins Gespräch zu kommen.“ Dann entschwebt die Kanzlerin im Hubschrauber zum nächsten Wahlkampfauftritt an Mecklenburgs Küste. Am Boden atmet CDU-Kreisgeschäftsführerin Petra Kirner auf: „Sie ist in der Luft, alles ist gut gegangen.“

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