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Ostholsteiner Anzeiger

18. Oktober 2017 | 00:55 Uhr

Mauerfall 1989: Eine Eutinerin

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Marina Vogler erlebte beim Besuch von Freunden im Westteil der heutigen Hauptstadt ein Stück deutsch-deutscher Zeitgeschichte /

von
erstellt am 25.Okt.2014 | 12:01 Uhr

Am Donnerstagabend, es war der 9. November 1989, saß ich am Bügelbrett und ließ nebenbei den Fernseher laufen. Ich bereitete mich auf den geplanten Wochenendausflug vor. Gemeinsam mit meinem Mann und meiner Freundin Doris wollte ich Freunde in Berlin besuchen, die dorthin verzogen waren. Darauf freute ich mich, denn bei jedem Berlinbesuch entdeckten wir Neues und sahen Orte, die wir aus Filmen, Büchern oder dem Geschichtsunterricht kannten. Es war jedes Mal spannend, auch wenn die Anreise auf der Transitstrecke durch die DDR immer wieder beklemmend war.

Seit Wochen hörte man in allen Nachrichten von den Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderswo. Nachrichten aus einem Deutschland, das aus unserer Generation nur wenige Menschen wirklich kannten. Nachrichten, die uns interessierten, aber nicht wirklich betrafen.
Das sollte sich ändern. In den „Heute“-Nachrichten waren die mittlerweile legendären Sätze des Günther Schabowski, Sekretär des Zentralkomitees der SED, zu hören: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (…) nach meiner Kenntnis ist das sofort – unverzüglich...“. Die Mauer war offen?

Um es ganz ehrlich zu sagen, so richtig begriffen hatte ich die Tragweite des Gehörten im ersten Moment nicht, und war damit nicht die Einzige. Die Sorge meiner Berliner Freundin, die gleich darauf anrief, bezog sich in erster Linie auf die Frage, ob wir denn trotzdem kommen würden und die Diskussionen am darauf folgenden Freitagmorgen im Büro waren eine Mischung aus Ungläubigkeit, Desinteresse und Hoffnung. Einer meiner Chefs zum Beispiel hatte vom Geschehen in Berlin noch nicht gehört. Seine erste Reaktion: „Das ist doch Unsinn, die öffnen doch nicht die Mauer!“, und verschwand in seinem Büro.

Am Samstagnachmittag fuhren wir wie geplant von Eutin über Bad Segeberg zum Grenzübergang bei Gudow, dem Beginn der Transitstrecke. Hier wurden die Bilder, die uns das Fernsehen in den vergangenen eineinhalb Tagen gezeigt hatte, plötzlich real. Während unsere Seite der Straße leer war, kamen uns auf der Gegenfahrbahn ungewöhnlich viele Autos entgegen, Menschen winkten fröhlich aus geöffneten Autofenstern und Hupkonzerte waren nicht selten. Die Transitstrecke verlor ein wenig von ihrer Bedrohlichkeit.

Als wir in Westberlin ankamen war es bereits dunkel. Auf einigen Brücken und über Straßenunterführungen entdeckten wir lange Reihen von Kerzen oder Windlichtern. Der Kurfürstendamm war wie immer hell erleuchtet. Ungewöhnlich waren nur die Pkw der Marke Trabant, die wir später liebevoll „Trabi“ nannten, von denen etliche auf den breiten Bürgersteigen und dem bewachsenen Mittelstreifen parkten, auch auf dem Ku’damm.

Erste Auswirkungen auf den Alltag der Westberliner gab es in Form von langen Schlangen am Bankschalter, wegen des Begrüßungsgeldes, das jedem Besucher aus der DDR zustand, und dem plötzlichen Ausverkauf von Obst und Gemüse, wie unsere Freunde zu berichten wussten. Am Sonntagmorgen machten wir uns mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die völlig überfüllt waren, auf den Weg zum Brandenburger Tor. Dort erwartete uns ein beeindruckendes Bild. Überall auf dem Rasen, direkt vor der Mauer, standen Menschen, gingen an ihr entlang, sprachen mit Anderen. Manche standen einfach dort und hatten Tränen in den Augen, während sie die bunt besprayte Mauer betrachteten.

Manche lagen sich in den Armen und feierten ausgelassen. Freude, Traurigkeit, Erinnerung, Hoffnung, Spannung und ungläubiges Staunen spürten wir gleichzeitig.
Das alles passierte unter den Blicken der Volkspolizisten, die als Wachposten überwiegend bewegungslos auf der Mauer standen. Sie waren bewundernswert diszipliniert, selbst als einige Übermütige die Mauer erklommen und neben ihnen posierten, blieben sie ruhig. Besonnene Menschen bemühten sich, eine Eskalation zu verhindern, indem sie die Übermütigen dazu brachten, die Mauer zu verlassen.

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