Aus Syrien geflüchtet : „Man muss mutig sein“: Najjar Orwa hat einen Supermarkt in Plön eröffnet

„Ich wollte das Jobcenter verlassen und möchte Steuern wie alle Leute bezahlen“: Najjar Orwa hat sich mit seinem Lebensmittelgeschäft in der Lübecker Straße 14 selbständig gemacht.
„Ich wollte das Jobcenter verlassen und möchte Steuern wie alle Leute bezahlen“: Najjar Orwa hat sich mit seinem Lebensmittelgeschäft in der Lübecker Straße 14 selbständig gemacht.

Der 33-jährige syrische Zahnarzt bietet orientalische Lebensmittel für Landsleute und Deutsche an.

shz.de von
05. November 2018, 17:49 Uhr

Plön | „Aleppo ist schwieriger als Berlin vor 80 Jahren“. Der Mann, der das sagt, hat wegen des Krieges seine Heimatstadt in Syrien verlassen und lebt seit 30 Monaten in Deutschland. Am 1. Oktober eröffnete Najjar Orwa ein Geschäft mit orientalischen Lebensmitteln in der Lübecker Straße 14 in Plön.

„Ich wollte das Jobcenter verlassen und möchte Steuern wie alle Leute bezahlen“, begründet der 33-Jährige seinen Schritt in die Selbständigkeit. Eigentlich sei er Zahnarzt, habe 2008 sein Examen an der Universität von Aleppo bestanden und noch vor sieben Jahren in Syrien als Zahnarzt gearbeitet, erzählt Orwa. „Doch es gab keinen Strom, Probleme mit den Materialien, und es war immer Gefahr.“

Zahnarztabschluss wird in Deutschland nicht anerkannt

Wegen der Bürokratie in Deutschland dürfe er hier seinen Beruf nicht ausüben. Aber er hofft, dass seine Papiere in drei bis vier Jahren vielleicht anerkannt sind und er wieder als Zahnarzt arbeiten kann. Mit seiner Frau und vier Kindern im Alter von acht, sechs, vier und drei Jahren, alle in Syrien geboren, wie er sagt, kam Orwa über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Slowenien und Österreich nach Deutschland. „Ich danke Gott, dass alle Kinder gesund sind“, sagt er. Die Flucht und der Anfang in Deutschland seien sehr schwierig gewesen.

In Plön gibt es keine Konkurrenz

Nach Plön kam Orwa aufgrund einer Studie, die er selbst gemacht hatte. „Ich habe nach einem Platz für einen Laden geguckt, wo keine Konkurrenz ist, und hier in Plön sind orientalische Lebensmittel neu.“ Zuvor habe er an der Wirtschaftsakademie Kiel die deutsche Sprache gelernt, einen Kursus absolviert, um einen Laden eröffnen zu dürfen, einen Businessplan erstellt. Zudem den Sprachkursus B 2 bestanden und alle gesetzlichen Bedingungen erfüllt, um vom Jobcenter die Genehmigung zu bekommen. Für sich selbst nahm er an einem Sprachkursus C1 Zahnmedizin teil.

Jetzt steht Orwa jeden Tag von montags bis sonnabends um 6 Uhr auf, bringt die Kinder in den Kindergarten, fährt nach Plön und öffnet um 9 Uhr (bis 20 Uhr) den Laden. Seine Frau lerne vormittags Deutsch und hole nachmittags die Kinder ab.

Zwei Mal in der Woche geht es zum Großmarkt

Zweimal die Woche fährt er nachts um 23 Uhr nach Hamburg zum Großmarkt, kauft frisches Obst und Gemüse, Gewürze, Kräuter, Joghurt ein, frische Datteln, Feigen, Pflaumen, Koriander, Minze, Chili, Spinat, Oliven, Schafskäse. Dann  st er um sieben Uhr zurück, fährt nach Plön, öffnet den Laden. „Es braucht Zeit, einzukaufen.

Ich muss Verstärkung im Geschäft haben“, sinniert er und schaut auf die Kühltheke, die soeben angeliefert wurde. In ihr soll Fleisch von einem Schlachtermeister angeboten werden: Lamm, Rind, Hähnchen. „Wenn Fleisch geht, brauche ich einen Mitarbeiter, ich muss sehen. Es ist schwierig, aber man arbeitet für sich selbst und nicht für andere. Ohne Geduld kein Erfolg“, sagt er lächelnd.

Viele deutsche Kunden

Inzwischen kämen viele deutsche Kunden, um orientalische Lebensmittel zu probieren. Mehr Deutsche als Ausländer, weil diese sich schon an deutsche Produkte gewöhnt hätten, wenn sie länger hier seien. Orwa schätzt an seinen deutschen Kunden den einfachen Umgang. „Sie möchten den Verkäufer unterstützen, das freut mich sehr. Bei der Einrichtung des Ladens war ich sehr müde“, erzählt er. „Letzte Woche hat mich der Bürgermeister besucht, da war alle Müdigkeit vergessen. Das unterstützt mich und macht mich stark.“

Noch wohnt die Familie Orwa in Kiel, würde aber nach Plön ziehen, wenn sich eine nicht zu teure Wohnung fände. Trotz der vielen Arbeit ist Orwa froh, die Entscheidung getroffen zu haben: „Man muss mutig sein“, weiß er. „Man verliert alles, und zukünftig nicht mehr als vorher.“ Will heißen: Wer alles verloren hat, hat nichts mehr zu verlieren, kann nur gewinnen.

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