Eutin : "Man beißt sich halt so durch"

Ein flüssiger Text ist für viele  funktionale Analphabeten bloß 'Buchstabensalat' Foto: Archiv
1 von 2
Ein flüssiger Text ist für viele funktionale Analphabeten bloß "Buchstabensalat" Foto: Archiv

Geschätzt leben bis zu 20 000 funktionale Analphabeten in Ostholstein: Volkshochschulen bieten kostenlose Kurse an.

Avatar_shz von
28. März 2011, 11:29 Uhr

Eutin/Ostholstein | "Ich stehe dazu, dass ich diesen Kurs besuche. Warum soll man darüber auch nicht sprechen?", sagt Sven Engel selbstbewusst. Der 33-Jährige will sich nicht verstecken, steht zu seinem Problem: Er ist funktionaler Analphabet.

Früher wurde ihre Zahl in Ostholstein auf rund 10000 geschätzt. Nach neuesten Hochrechnungen (siehe Infokasten) muss man sogar mit dem Doppelten rechnen: Danach kann jeder zehnte Ostholsteiner nicht ausreichend lesen und schreiben! Diese Fähigkeiten kann man nach der Schulzeit wieder verlernen, wenn man nicht in der Übung bleibt, sagt Adrienne Rausch. Sie ist bei der VHS Oldenburg Ansprechpartnerin der Regionalstelle für Alphabetisierung und Elementarbildung in Ostholstein, organisiert Kurse in Oldenburg, Eutin, Ratekau, Neustadt und Landkirchen. "In den Kursen haben wir nur einen Bruchteil der Betroffenen. Viele trauen sich einfach nicht, mich anzurufen", ist ihre Erfahrung.

Im Elternhaus habe man seine Probleme nie wirklich registriert, erzählt Sven Engel. Doch sich selbst spricht er den Großteil der Schuld zu: "Ich hatte damals viele Flausen im Kopf. Die Schule erschien mir sowieso nicht besonders wichtig." Die Quittung für diese "Flausen": kein aufbauender Schulabschluss, kein fester Job. Als er dem Sohn seiner damaligen Lebensgefährtin nicht bei dessen Hausaufgaben helfen konnte, sei es genug gewesen: Er meldete sich 2008 bei der Volkshochschule an.

Das Problem, dass Schulkinder ihnen auf einmal überlegen seien und sie den eigenen nicht mehr helfen könnten, hätten zahlreiche funktionale Analphabeten, ergänzt Adrienne Rausch. Manchmal gebe der Arbeitgeber den Anstoß, endlich lesen zu lernen. Andere meldeten sich dann, wenn ihnen durch Trennung oder Scheidung der Mensch abhanden gekommen sei, der ihnen bisher alles abnehmen konnte: Schriftverkehr, Formulare, Kontoauszüge, Anträge. Viele stünden dann vor einem Scherbenhaufen: Wer soll das "Beamtendeutsch" lesen und vor allem verstehen?

Sven Engel übt zur Zeit nur eine geringfügige Beschäftigung bei einem Partyservice aus. Seine Ausbildung zum Fleischer in der Fachrichtung Feinkost und Konserven bestand er in der Praxis, bei der Theorie fiel er jedoch durch. Im alltäglichen Kampf um eine Festanstellung stehe ihm in erster Linie aber nicht die Lese- und Schreibschwäche im Weg - es sei der fehlende Führerschein. Er habe er nach wie vor großen Respekt vor der theoretischen Prüfung - fernab davon, dass er die Fahrstunden auch nicht bezahlen könne. Mittlerweile bestehe jedoch die Möglichkeit, den theoretischen Teil der Fahrprüfung mündlich abzulegen, erzählt Rausch, eine Chance, die auch einige ihrer Schützlinge ergriffen hätten. Und um dem Schilderlesen größtenteils aus dem Weg zu gehen, gebe es Navigationsgeräte.

Sven Engel ist glücklich über seine bisherigen Fortschritte: "Briefe, Formulare - das liest man sich halt zwei- bis dreimal durch, aber egal: Es klappt mittlerweile. Man beißt sich halt so durch." Die individuell zugeschnittene Förderung ermögliche ihm mittlerweile, andere Kursteilnehmern zu unterstützen, die noch nicht so weit seien wie er. Engel empfiehlt jedem Betroffenen, die Kurse aufzusuchen: "Mir hat man geholfen. Ich bleibe solange, bis ich keine Probleme mehr habe."

Die anonymen und für die Teilnehmer kostenlosen Kurse werden aus der Landeskasse und dem Europäischen Sozialfonds finanziert und können so lange wie gewünscht besucht werden. Adrienne Rausch ist unter Telefon 04361/4551 erreichbar.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen