Eutin : Liebe – aber selbstbestimmt

Führten szenisch in die Ausstellung ein und zeigten auf ihren T-Shirts, worum es geht, „Echt mein Recht“: (v. l.) Nils, Melanie, Herrmann, David, Karol, Anja, Joan, Thomas, Sabrina, Kerstin, Kai-Uwe, Claudia, Johann und Petra.
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Führten szenisch in die Ausstellung ein und zeigten auf ihren T-Shirts, worum es geht, „Echt mein Recht“: (v. l.) Nils, Melanie, Herrmann, David, Karol, Anja, Joan, Thomas, Sabrina, Kerstin, Kai-Uwe, Claudia, Johann und Petra.

Die Ostholsteiner zeigen die Ausstellung „Echt mein Recht!“ – die Schau kann aufklären und sexuelle Gewalt zu vermeiden helfen

shz.de von
31. August 2018, 13:29 Uhr

Wie kann ich meinen Alltag gestalten, was sind Gefühle und darf ich meine Sexualität selbstbestimmt leben? Solche Fragen beantwortet die Schau „Echt mein Recht!“ Ihr Ziel ist es, Menschen mit Behinderung sexuelle Selbstbestimmung zu ermöglichen und vor sexueller Gewalt zu schützen. „Die Ostholsteiner“ in Eutin haben die Schau ein halbes Jahr nach ihrer Fertigstellung zu sich geholt und gestern eröffnet.

Die Ausstellung ist ab Montag bis zum 26. September in der Werkstatt der Ostholsteiner, Siemensstraße 19, zu sehen. In drei Räumen informieren Bilder, Texte und Hörstücke über Lebensbereiche wie Alltag und Freizeit, Gefühle, Liebe und Sex, Selbstbestimmung, Gewalt und über Schutz und Hilfe. Die Farbgebung ist freundlich, die Schriften sind groß, die Texte kurz, und wer möchte, greift zum Hörstift, der ihm die Texte vorliest.

Die Ausstellung kommt vom Petze-Institut in Kiel. Mit seiner Schau wendet sich das Institut nicht nur an Menschen mit Behinderung, sondern ebenso an Fachleute, Unterstützer, aber auch jeder andere sei angesprochen, sagte Ralf Specht. Der Sozial- und Sexualpädagoge hat die Ausstellung mit konzipiert. Zwei Jahre haben Fachleute und Menschen mit Erfahrung daran gearbeitet und letztlich eine dreimal größere Schau geschaffen, als sie ursprünglich geplant gewesen sei. Bezahlt wurde sie von der Aktion Mensch und der Heidehof-Stiftung.

„Es geht darum, den Menschen Vielfalt zu vermitteln“, sagte Ralf Specht. Menschen mit Behinderung kennten zu wenige ihrer Rechte, auch Fachleute lernten ständig dazu. Als Beispiel sprach Specht den Pflegebereich an. Menschen, die gepflegt werden, seien es gewohnt, überall angefasst zu werden. Viele wüssten nicht, dass sie mitbestimmen dürften und hätten auch nie gelernt, für sich zu sprechen oder sie könnten es nicht. Deshalb müssten sie die Vielfalt, die möglichen oder nötigen Unterschiede kennenlernen.

Ein weiteres Beispiel nennt Sandra Albert von „Mixed Pickles“, einem Verein für Mädchen und Frauen mit und ohne Behinderung in Schleswig Holstein. Was bei Personenkontrollen an Flughäfen Gang und Gäbe sei, die Körperkontrolle durch Sicherheitspersonal desselben Geschlechts, sei in der Pflege noch kein Thema. „Das Geschlecht seines Pflegers, seiner Pflegerin kann man sich nicht aussuchen.“

Es seien viele Menschen, die von Ausgrenzung, psychischer oder sexueller Gewalt betroffen seien, sagte Specht. Mehreren Studien zufolge hätten ein Drittel aller Frauen und ein Viertel aller Männer sexualisierte Gewalt in irgendeiner Form erlebt. Umfragen belegten, dass 34 bis 56 Prozent aller Menschen mit Behinderung als Kind oder Erwachsene sexuelle Gewalt erfahren hätten. 90 Prozent sprächen von der Erfahrung psychischer Übergriffe und etwa ebenso viele von fehlender Teilhabe oder Ausgrenzung.

Die Gleichstellungsbeauftragte Ostholsteins, Silke Meints, betonte, dass viele Mädchen und Frauen immer noch zu wenig über Hilfsmöglichkeiten wüssten: „Wir wollen ihnen einen barrierefreien Zugang zu den Beratungsstellen im Kreis ermöglichen.“

Für den Kreis Ostholstein sprach auch Alfred Grüter. Nach Aussage des Fachbereichsleiters Soziales sind in Ostholstein 22 000 Menschen erwerbsfähig mit einer anerkannten Schwerbehinderung mit mindestens „50 Grad der Behinderung“. 690 Menschen arbeiteten in Werkstätten. Der Kreis Ostholstein messe der Inklusion viel Bedeutung bei und arbeite daran, die Teilhabe aller Menschen an der Gemeinschaft zu ermöglichen. „Aber wir werden zusammen noch viel lernen müssen.“

Bereits etwas getan haben auch „Die Ostholsteiner“, um Menschen mit Behinderung mehr Mitsprache und Teilhabe zu ermöglichen, wie Prokurist Andreas Weddeling sagte. In Qualitätszirkeln besprächen sie die nötigen Themen, anhand erarbeiteter Leitfaden könne Mut zugesprochen und Angst genommen werden. „Das Ausstellungsthema ist ein heikles, das jeden von uns betrifft.“

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