Lichtgestalten der Sangeskunst

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Das Vokalensemble „Voces8“ musizierte auf höchstem Niveau / Publikum applaudierte stehend in der voll besetzten Michaeliskirche

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20. Juli 2018, 10:26 Uhr

Das beste und zugleich älteste Musikinstrument trägt jeder Mensch in der Kehle. Wenn es geschulte Stimmbänder sind und dazu vielleicht noch ein perfekt abgestimmter Vortrag von mehreren Stimmen, kann eine Sternstunde der Musik entstehen.

Etwa 350 Menschen erlebten Donnerstagabend eine solche Sternstunde mit dem englischen Vokalensembles „Voces8“. Die Sankt-Marien-Kirche Eutin war bei diesem Konzert des Schleswig-Holstein Musikfestivals (SHMF) restlos ausverkauft. Schon zur Begrüßung frohlockte Kantorin Antje Wissemann, ein so gut besuchtes Konzert werde hoffentlich dazu beitragen, dass in der größten Eutiner Kirche wieder regelmäßige SHMF-Konzerte stattfinden; das letzte liege zwölf Jahre zurück.

Wissemann gab auch den Hinweis, dass mit dem Auftritt der englischen A-cappella-Formation ein persönlicher Wunsch in Erfüllung gehe. Zwei Stunden später war klar, dass sie damit auch den Geschmack des Publikums getroffen hatte. Eleonore Cockerham und Andrea Halsey (beide Sopran), Chris Wardle und Barnaby Smith (beide Countertenor), Blake Morgan und Sam Dresse (beide Tenor), Rob Clark (Bariton) und Jonathan Pacey (Bass) wurden von einem stehenden Publikum mit Ovationen bedacht.

Das Programm des 2005 gegründeten Ensembles reicht von der Renaissance bis zur Moderne, von geistlicher Musik bis zu Pop und Jazz, von getragenen Stücken bis zu Swing, der mindestens die Füße nicht ruhen lässt.

Überhaupt „von“ und „bis“: Das Ensemble verfügt über einen beeindruckenden Klangcharakter, zugleich über eine faszinierende Perfektion in der Abstimmung: Die Wechsel von lauten und leisen Partien, in der Chormusik mit die schwerste Aufgabe, gelingt den Briten mit einer beneidenswerten Leichtigkeit, und das gleiche gilt für das Verhältnis zwischen Solo- und Begleitgesang, für Wechsel von Tonlagen und Rhythmen. Das alles wird gekrönt von einer extremen Stimmsicherheit jedes einzelnen Ensemblemitglieds, die auch bei schwierigen harmonischen Passagen oder Wechseln von Tonlagen keine Makel offenbart.

Wenn es überhaupt etwas zu kritisieren gibt, dann sind es die Tiefen, die etwas mehr Gewicht gegen sechs hohe Stimmen verdienten. Und das Konzert läuft – allen humorvollen Moderationen und choreografischen Einlagen zum Trotz – so perfekt, dass die Präsentation manchmal ein bisschen „kühl“ wirkt.

Aber das ist wirklich nur eine Marginalie. Viel eher bleibt in Erinnerung, wie die akustischen Gegebenheiten des Kirchenschiffes dem Klang des Ensembles schmeicheln, welche Wirkung der Hall zwitschernden Frauenstimmen oder rhythmischen Schnalzgeräuschen verleiht oder wie er insgesamt die Melodien und Harmonien durch den Saal trägt.

Die Liedauswahl befördert den Eindruck von einem Ensemble, das auf höchstem Niveau musiziert und dabei nicht einmal ahnen lässt, welche Disziplin hinter dieser Leistung steckt. Gänsehaut macht sich breit, wenn die Töne aus den Tiefen des Raumes kommen, kräftiger werden und wieder vergehen.

William Byrd und Benjamin Britten liefern mit Werken für diese Stimmbesetzung passende Lieder dafür, aber auch der 1959 geborene Komponist Jonathan Dove hat dem Ensemble Musik „auf den Leib geschneidert“. Sehr schöne Arrangements machen auch bekannte Ohrwürmer wie Van Morrisons „Moondance“, Kurt Weills „Mackie Messer“ und nicht zuletzt Balladen von Simon and Garfunkel wie „Homeward Bound“ und „The Sound of Silence“ zu einem Hörerlebnis.

Fehlt noch eine Antwort auf die Frage von Antje Wissemann, ob die Michaelis-Kirche in die Liste regelmäßiger SHMF-Konzerte zurückkehrt? Dr. Christian Kuhnt, Intendant des SHMF war
wie Landrat Reinhard Sager und Bürgermeister Carsten Behnk im Konzert. Dem OHA antwortete er auf diese Frage: „Eutin ist für das Festival ein wundervoller Spielort. Wir sind noch ganz erfüllt von dem Erfolg des Konzertabends. Es ist schön, dass wir mit der Sankt-Michaelis-Kirche eine grandiose Veranstaltungsstätte haben. Aus heutiger Sicht spricht nichts dagegen, dass wir 2019 zurückkehren. Aber aufgrund der besonderen Akustik des Raumes muss man in der Auswahl des Programms sehr sensibel vorgehen.“

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