Lichterglanz in dunklen Zeiten

Weihnachten zwischen Trümmern: Soldaten nehmen an Heiligabend 1914 Feldpost entgegen. Als „Liebesgaben“ gibt es warme Socken und Taschenglühöfen aus der Heimat.
Weihnachten zwischen Trümmern: Soldaten nehmen an Heiligabend 1914 Feldpost entgegen. Als „Liebesgaben“ gibt es warme Socken und Taschenglühöfen aus der Heimat.

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26. Dezember 2014, 20:03 Uhr

Die auch in Eutin zu spürende anfängliche Begeisterung beginnt zu ernüchtern, zu oft schon melden die am Postamt angeschlagenen Verlustlisten und die im „Anzeiger für das Fürstentum Lübeck“ veröffentlichten Todesanzeigen gefallene Eutiner. Das Gymnasium ist ausgedünnt, denn am 5. August 1914, dem ersten Tag nach den Sommerferien, haben sich 40 von insgesamt 164 Schülern als Kriegsfreiwillige gemeldet. Im Laufe der nächsten Monate und Jahre absolvieren zahlreiche weitere Jungen die so genannten Notprüfungen und gehen von der Schulbank direkt ins Feld. Direktor Künnemann sorgt sich um seine Schülerschaft. In den oberen Klassen findet eine Art „Notunterricht“ statt, denn zahlreiche Lehrer sind ebenso eingezogen. Doch viele Schüler fiebern dem Ende ihrer schulischen Laufbahn entgegen, um sich als Kriegsfreiwillige zu melden.

Die Verhältnisse an der 1913 begründeten Realschule in ebenfalls problematisch – allerdings aus ganz anderen Gründen. Der rechtskonservative Direktor der Friedrich-August-Realschule, Wilhelm Harders, der sich in den ersten zwei Kriegsmonaten begeistert an Geldsammlungen und sonstigen Unterstützungen des Heeres beteiligt, meldet sich Anfang Oktober als Kriegsfreiwilliger. Der Stadtrat, sein Arbeitgeber, ist völlig überrascht und mit der „Führungslosigkeit“ der noch neuen Schule nicht einverstanden, zumal neun Lehrkräfte einberufen worden sind. Nahezu täglich tagt die kommunale Vertretung, um zu beraten, wie mit der heiklen Situation umzugehen ist. Nach wenigen Tagen ringt sie sich durch, gegenüber Harders eine Missbilligung auszusprechen. Direkt danach erscheint im „Anzeiger“ eine umfangreiche Rechtfertigung der „Fahnenflucht zur Fahne“ des Schuldirektors im Rahmen eines Leserbriefes. Auch der Schulvorstand und der Stadtrat äußern sich nun
in so genannten „Eingesandt“-Rubriken. Kommunalpolitiker reagieren damals wie heute extrem empfindlich, wenn sie sich übergangen fühlen. Die Zeitung beschließt, keine weiteren Leserbriefe zu diesem Thema abzudrucken. Später erfährt die Öffentlichkeit, dass die Schulbehörde Herrn Harders nicht für unabkömmlich erklärt hat. Noch mehrfach berichtet die Zeitung über die Diskussionen, aber Harders bleibt trotz seiner Verantwortung für die Schule im Feld.

Die Kaufmannschaft hat sich unmittelbar nach Kriegsbeginn auf die neue Situation eingestellt. Es werden „Liebesgaben für die Feldgrauen“ in Form von „Rauchutensilien, Schokolade, Taschenmessern, Lichten, Strümpfen, Hosenträgern und Kopfschützern“ versendet. Beim Kaufmann Valsechi, Lübecker Straße, wird am 3. Dezember 1914 ein Eisernes Kreuz aus Lübecker Marzipan - verschickbar in einem Feldpostbrief - angeboten. Hier werden gleichfalls „Feldkocher für Soldaten“ offeriert. Der „Anzeiger“ kann ins Feld nachgesandt werden. Bei Struve-Druck in der Wasserstraße gibt es regelmäßig aktualisierte Karten der Kriegsschauplätze zu kaufen.

Der Vaterländische Frauenverein sammelt Spenden für die Eutiner Krieger, die ins Feld gesandt werden. Am 14. Januar 1915 berichtet ein den Transport begleitender Journalist namens Julius Heise umfänglich in der Zeitung über die Freude der Beschenkten und seine Zeit mit de Rainville und von Rettberg. Auch wenn in den ersten Kriegsmonaten die Ernährungssituation noch leidlich gut ist, so sind Einschränkungen doch bereits überall spürbar. Für Grundnahrungsmittel werden Höchstpreise festgesetzt, im „Anzeiger“ wird immer wieder gegen die ungerechtfertigte Verteuerung von Lebensmitteln gewettert.
Ständig wird in der Zeitung für Sammlungen aller Art geworben. Im ganzen Land, so auch in Eutin, wird seit Kriegsbeginn alles eingesammelt, was „frontverwendungsfähig“ und in der Heimat nur irgendwie entbehrlich ist. Im Abstand weniger Tage wirbt der „Anzeiger“ für die Abgabe von Wolle und Lumpen, Fellen, Lederresten, Altmetall, Gummi, Holz, Flaschen, Altpapier. Selbstverständlich wird Goldschmuck eingesammelt. Sogar ausgekämmtes Frauenhaar findet Verwendung. Daraus sollen Treibriemen, Filzplatten und Dichtungsringe hergestellt werden. Die Schüle-rinnen der oberen Klassen müssen für die Soldaten Strümpfe, Handschuhe, Leibbinden und Pulswärmer stricken. Auch der Vaterländische Frauenverein sammelt warme Unterwäsche und lässt Socken stricken.

Das führt dazu, dass Ende 1914 die Soldaten des Infanterie-Regiments 162 an der
Front melden: „Wir ersticken
in Wolle. Sackweise müssen
die Liebesgaben wieder eingesammelt werden, weil es unmöglich ist, sie mitzuführen!“ Die gut gemeinten Geschenke werden weiter an die Ostfront geleitet.

Manche gesendeten Gaben zeugen aber auch von wenig Feinfühligkeit oder sogar von schlichtem Geiz, so ist in den Bataillonsakten des Infanterie-Regiments 162 eine interessante Kleinigkeit dokumentiert:

„Eine Großherzogin hatte als sogenannte Liebesgabe sieben Tafeln Schokolade an die Offiziere des Bataillons geschickt. Da es nun 20 Offiziere im Bataillon gab, überlegte der Major einen ganzen Tag lang, wie er die sieben Tafeln verteilen sollte. [Hauptmann Belfrage] Ich schlug vor, die Sache auszulosen. Das ging nicht. Stattdessen sollte ich unauffällig herauszubringen versuchen, wer von uns Schokolade am besten möge. Ich wählte daraufhin die sieben jüngsten. Daraufhin diktierte der Major folgende Notierung ins Bataillonstagebuch: Ihre Durchlaucht, die Grossherzogin von O.m hat geruht, dem Offizierskorps des Bataillons sieben Tafeln Schokolade zu schicken. Diese habe ich wie folgt verteilt: Den Leutnanten A. B. C. D. E. F. und G. wurde je eine Tafel zugeteilt. Ich habe ihrer Durchlaucht, der Grossherzogin, telegrafisch unseren untertänigsten Dank für die Liebesgabe mitgeteilt. gez. v. Rettberg, Major und Bataillonskommandeur. “

Selbst in einer so ländlichen Kleinstadt wie Eutin inmitten eines Agrarlandes hat die Zivilbevölkerung während der Kriegszeit unter den Schwierigkeiten der kriegswirtschaftlichen Lebensmittelversorgung zu leiden. Die einst vom Syndikus Specht gegründete öffentliche Speiseanstalt, jetzt „Kriegsküche“ genannt, gibt in dieser Zeit monatlich bis zu 10000 Essenportionen zum Selbstkostenpreis ab.

Im Fortlauf des Krieges werden die Schüler losgeschickt, um Obstkerne, Eicheln, Bucheckern, Kastanien, ja sogar Brennnesseln zu sammeln. Überdies wird getrocknetes Laub als - wohl nicht sehr nahrhaftes - Pferdefutter gesammelt und an die Front gebracht. Waldmeister wird zur Tabakherstellung gesammelt, das Ergebnis überzeugt aber nicht, der Ersatz duftet zu stark.

Viel zu oft schon sind die Ortsgeistlichen mit den „Gedenkblättern des Kaisers“ zu ortsansässigen Familien unterwegs, um den letzten Gruß des Vaterlandes zu überbringen. Sie sind es, die bereits am 10. August 1914 vertraulich notieren: „Um auf alle Fälle gerüstet zu sein, hat die Friedhofskommission heute früh einen Platz bestimmt, der für die hier etwa
ihren Wunden erliegenden Kriegsteilnehmer vorbehalten ist. Die Anlage ist so gedacht, dass in der Mitte Platz ist für ein gemeinsames Denkmal. Ich bitte nicht davon zu reden...“. Bei aller Kriegsbegeisterung, die den Eutiner Kirchenvertretern zu eigen ist, sehen sie doch klar in die Zukunft.

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