zur Navigation springen
Ostholsteiner Anzeiger

22. August 2017 | 17:32 Uhr

Letzte Versetzung geht Richtung Familie

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

„Ich hätte meine letzten drei Dienstjahre noch gut in Eutin bleiben können. Aber ich möchte bei meiner Familie sein“, sagt Hubertus Uhl. Und so paaren sich Wehmut über den Abschied aus Eutin nach 27 Jahren und die Vorfreude auf eine neue Dienststelle in Münster, die ihm erlaubt, mit seiner Frau und dem fast dreijährigen Sohn zusammen zu wohnen.

Familie ist dem 49-jährigen Oberstabsfeldwebel sehr wichtig geworden – nach zwei gescheiterten Ehen. Dazu hat vor allem die Tatsache beigetragen, dass der „Spieß“ der 2. Kompanie seit 15 Jahren irgendwie immer im Einsatz war. Sieben Mal. Zweimal Bosnien, einmal Kosovo, viermal Afghanistan. Es gibt nicht viele Soldaten, die eine Goldene Einsatzmedaille für Kundus haben. Für die muss man mindestens 690 Tage am Einsatzort gewesen sein.

Eine militärische Karriere hatte Uhl eigentlich nicht geplant. Er wurde 1965 in Hannover als Sohn eines deutschen Vaters und einer englischen Mutter geboren. Er war Internatsschüler, verließ die Schule nach dem 12. Schuljahr mit Fachhochschulreife und machte auf dem Gut Stendorf eine Landwirtschaftslehre – was durchaus seiner Neigung entsprach.

Statt regulärem Wehrdienst verpflichtete er sich für zwei Jahre bei der Bundeswehr, trat am 2. Januar 1987 seinen Dienst in der Rettberg-Kaserne an. Nach der planmäßigen Entlassung begann Uhl in Hannover ein Studium der Umwelttechnik, merkte aber sehr schnell, dass der Stoff nicht seinen Vorstellungen entsprach. Bei einer Reserveübung im Frühjahr 1989 wurde er Zeitsoldat. Erst für sechs Jahre, dann für zwölf verpflichtet – und plötzlich war er Berufssoldat.

Uhl war bis 1999 in Munster und Fritzlar stationiert, wurde aber für den ersten Auslandseinsatz der Eutiner Aufklärer in Bosnien Anfang 1998 abgeordnet. Als er 1999 fest nach Eutin kam, ging er am 20. Juli mit ins Kosovo. Es folgte noch einmal Bosnien von Juni bis Dezember 2001.

Am 17. Oktober 2003 wurde er Spieß der 2. Kompanie. In dieser Funktion war er vier Mal in Afghanistan: Von 2006 an fast regelmäßig alle zwei Jahre und fast immer in Kundus. Nur beim Kontingent 2007/2008 war die Einheit
in Masar-E Sharif stationiert, aber trotzdem die meiste Zeit im Raum Kundus im Einsatz.

Was war der interessanteste Auslandseinsatz? Das sei das Kosovo gewesen, wo die Soldaten in ein Land kamen, in dem es keine staatlichen Strukturen mehr gab. Die blanke Anarchie.

Und trotzdem habe man relativ schnell etwas bewirken und aufbauen können. „Heute sieht es im Kosovo ganz gut aus. Wie es in Afghanistan in zehn Jahren aussieht, werden wir sehen, aber unser Einsatz dort war, schätze ich mal, nicht so erfolgreich“, gibt sich Uhl keiner Illusion hin.

Mit Kundus verbindet er seine schlechtesten Erfahrungen, vor allem die gut sieben Monate von 2009 und 2010: „Da hat man gemerkt, dass wir Deutsche ganz gezielt attackiert wurden. Sobald man das Lager verlassen hatte, musste man damit rechnen, angegriffen zu werden.“

Die Eutiner wurden in viele Gefechte verwickelt, kamen aber glimpflich davon. Das schlimmste kam zum Ende: Uhl und viele Eutiner waren noch in Kundus, als Soldaten des Folgekontingentes gerade sechs Kilometer vom Camp entfernt am 2. April 2010 in einen Hinterhalt gerieten: Drei Soldaten des Fallschirmjägerbataillons 373 fielen, acht wurden teilweise schwer verwundet.

„So etwas steckt man nicht so einfach weg“, sagt Uhl. Besonders nicht, weil die Nachfolger die Warnungen der Eutiner in den Wind geschlagen hatten.

Viele Soldaten, die in Afghanistan waren, lässt das Land nicht mehr los. Sie möchten wieder hin. Den Drang verspüre er nicht, sagt Hubertus Uhl. Aber: „Wir waren das erste Kontingent, das in das Camp Kundus eingezogen ist, und das vorletzte vor der Übergabe an die Afghanen. Es ist wie ein Haus, das man gebaut und verkauft hat, ein bisschen hängt das Herz trotzdem dran.“

Das gilt auch für die Eutiner Aufklärer, die Uhl Ende März offiziell verlässt. Was ist so besonders an diesem Bataillon? „Mir fällt wirklich nichts Schlechtes ein, besonders gut ist hier das Familiäre, der freundliche, offene Ton. So was kann man nicht verordnen, das wird hier seit Generationen gelebt. Jeder, der kommt, wird hier freundlich aufgenommen.“

Was zeichnet den Dienst als Spieß aus? „An dem Begriff ,Mutter der Kompanie‘ ist natürlich was dran: Du musst immer Augen und Ohren offen halten für deine Soldaten.“ Er gebe zu, dass er bei der Erfüllung bürokratischer Forderungen nicht vorbildlich sei, habe aber das Gefühl, dass er den Kern seiner Aufgabe als Spieß gut gemeistert habe. Und zu seinem Pflichtgefühl gehörte, dass er seine Kompanie bei allen Auslandseinsätze begleitet hat.

Mit dem Umzug nach Nordrhein-Westfalen bricht er aber nicht alle Brücken hinter sich ab: Sein schmuckes Häuschen in Klenzau will er nicht verkaufen. Seinen Oldtimer – einen offenen englischen Sportwagen der Marke Sunbeam mit dem Lenkrad auf der rechten
Seite – nimmt er freilich mit. „Baujahr 1965, der ist sogar zwei Monate älter als ich.“

In Münster wird er beim Deutsch-Niederländischen Korps der Spieß der 1. Kompanie, kann morgens anreisen und abends nach Hause fahren. Und in der Einheit wird nur Englisch gesprochen, was Uhl leicht fällt, da er durch seine Mutter zweisprachig aufgewachsen ist.

Irgendwie erfülle sich mit dieser Verwendung auch ein Wunsch: Einmal in einer internationalen Einheit zu dienen. „Irgendwie ist alles, was ich mir bei der Bundeswehr vorgenommen hatte, auch eingetreten,“ stellt Uhl fest. Das hatte aber auch seinen Preis – im Privatleben.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 24.Feb.2014 | 13:14 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen