„Lern-Reich“ bringt den Ball ins Rollen

Der Fußball spielt beim Projekt „Lern-Reich“ des Kinderschutzbundes Ostholstein eine große Rolle.
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Der Fußball spielt beim Projekt „Lern-Reich“ des Kinderschutzbundes Ostholstein eine große Rolle.

Projekt der Kinderschutzbundes mit DFB-Integrationspreis ausgezeichnet

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17. März 2014, 11:43 Uhr

Konzentriert brüten die sieben Jungen über ihren Schulbüchern und Arbeitsblättern. Erzieher Ole Schöning schaut ihnen über die Schulter, erklärt Aufgaben, stellt Fragen, gibt Hilfestellung bei der Antwort und lobt die Jungen, die einen schweren Weg hinter sich haben, wenn sie bei „Lern-Reich“, einer Einrichtung des Kinderschutzbundes Ostholstein, ankommen. Sie sind aus ihrer Heimat geflohen, die in Afghanistan, dem Sudan, Eritrea, Algerien, Syrien, dem Libanon oder Marokko liegt. Das „Lern-Reich“ hilft beim Weg in die deutsche Gesellschaft, ein wichtiges Mittel zur Verständigung ist der Fußball. Das hat auch der Deutsche Fußball Bund (DFB) erkannt: Er erkannte dem Projekt den mit 10 000 Euro dotierten zweiten Platz des DFB-Integrationspreises zu, den Verbandspräsident Wolfgang Niersbach in Stuttgart überreichte.

„Der Preis fließt zu 100 Prozent in das Projekt“, verspricht Andrea Belitz, die das „Lern-Reich“ leitet. In Eutin-Pulverbeck werden ausschließlich Minderjährige im Alter zwischen 13 und 18 Jahren betreut, zurzeit seien es 16 junge Menschen, die dort Unterstützung finden. Die Sprache, die alle sprechen ist „Fußball“. Beim Fototermin auf der Wiese mit dem kleinen Trainingstor hat der Ball keine Ruhe, die Jungen kicken ihn hin und her. Und selbst bei der Aufnahme wird er technisch perfekt angelupft. Im Sommer gibt es ein Turnier auf der Fußballwiese in Zarnekau, im Winter wird in der Halle gespielt.

„Die Kinder und Jugendlichen kommen aus einer fremden Kultur, von einem fremden Kontinent. Wir wissen nicht, wann sie zuletzt in der Schule gewesen sind. Bei einigen ist das schon Jahre her“, erläutert Andrea Belitz.

Die Augen von Georg (Name von der Redaktion geändert) leuchten. Klar möchte er sich beim Fußball fotografieren lassen. Aber warum jetzt? „Ich habe heute Abend Training im Verein in Eutin“, sagt er und will sich lieber dort ablichten lassen. Die Integration funktioniert auch über die Sportvereine, nicht nur im Fußball. Andrea Belitz verweist auf den Boxring des TSV Plön und Hans Korth, der dort als Spartenleiter den engen Draht zum Projekt „Integration durch Sport“ hergestellt hat. Und so haben Migranten aus Afghanistan im Boxen schon Landes- und norddeutsche Meistertitel erkämpft.

„Beim Sport treten sprachliche Barrieren in den Hintergrund“, stellt Andrea Belitz fest. Sie weiß, dass der Sport auch die Gedanken ablenkt. „Das Warten auf die Anerkennung als Flüchtling ist eine zusätzliche Belastung“, sagt die Projektleiterin. Morgens gehe der erste Weg zum Briefkasten – und am nächsten Tag wieder. Bis der Bescheid endlich kommt.

Die Jugendlichen leben in Wohngruppen und werden dort auf ein selbstständiges Leben als Erwachsene vorbereitet. Denn mit dem 18. Lebensjahr endet die Zuständigkeit der Jugendhilfe. Danach müssen die Netzwerke halten, die die jungen Menschen und der Kinderschutzbund geknüpft haben. Die Kontakte zum Kinderschutzbund reißen nicht ab: Bei den Fußballturnieren im Sommer sind auch einige Erwachsene am Ball, die im „Lern-Reich“ betreut worden sind.

Das Handwerkszeug bekommen die Jungen auch im Sport. „Im sportlichen Erleben können Konflikte regelkonform gelöst werden und Aggressionen abgebaut werden. Körperliche Anspannungen lösen sich und erfolgreiches Lernen wird positiv verstärkt“, heißt es in der Bewerbung für den DFB-Preis. Bei der Ehrung in Stuttgart haben die Ostholsteiner auch Verbindungen geknüpft. Zu großen Firmen, aber auch zu anderen Preisträgern. Eine Verbindung liegt ganz nah und wäre doch ohne den DFB wohl nicht zu Stande gekommen. Der Verein „Zweikampfverhalten“ aus Hamburg bekam in Stuttgart den dritten Preis und hat die Ostholsteiner gleich per Mail zum Hallenkick im Oktober eingeladen. Fußball verbindet eben.

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