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Ostholsteiner Anzeiger

20. August 2017 | 23:41 Uhr

Leistungsdruck macht Kinder psychisch krank

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Zahl der seelischen Erkrankungen unter Jugendlichen nimmt stark zu / Ärzte schlagen Alarm

Psychische Erkrankungen beim Nachwuchs nehmen in Schleswig-Holstein spürbar zu. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die sich in therapeutischer Behandlung befinden, ist in den vergangenen sechs Jahren um 77 Prozent gestiegen. Suchten Ende 2010 noch 15  400 Personen einen Kinder- und Jugendpsychiater oder -psychotherapeuten auf, waren es Ende 2016 bereits 27  272. Das geht aus einer Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung hervor. Bei den auf Heranwachsende spezialisierten Therapeuten kletterte die Behandlungszahl von 12  125 auf 17  328, bei den Kinder- und Jugendpsychiatern von 3275 auf 9944.

„Dass die Behandlungsbedürftigkeit zunimmt, überrascht keinen Fachmann wirklich“, sagt Heiko Borchers, Landeschef des Berufsverbands der Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Er beklagt Änderungen im Schulsystem: Zum einen die verpflichtende Einschulung mit sechs Jahren. Seit 2007 kann kein Kind mehr wegen Entwicklungsverzögerungen zurückgestellt werden. Bis dahin war das bei fünf Prozent eines Jahrgangs der Fall. „Unhaltbar, weil Kinder damit nicht zurecht kommen und später psychiatrische Diagnosen aufweisen“, findet Borchers. Ebenso kritisiert er das Turbo-Abitur. „Pädagogisch angebracht war G  8 nie“, so der in Kiel-Gaarden niedergelassene Therapeut. „Es erzeugt Stress durch Leistungsdruck und -verengung.“ Zudem nennt Borchers wegbrechende Familiensysteme und Kindesarmut als Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten und Erkrankungen.

Dr. Anja Walczak, Sprecherin des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie, führt einen Teil des Behandlungsbooms darauf zurück, dass bis zum Jahr 2014 mehr psychiatrische Praxen hinzugekommen sind. „Zuvor war der Bedarf nicht annähernd gedeckt.“ Zugleich seien Vorbehalte geschwunden, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dennoch hat auch Walczak für einen Teil der Misere Umwälzungen in der Schullandschaft im Visier. „Die forcierte Inklusion ohne eine ausreichende Zahl von Lehrkräften“ trage zu vermehrter Behandlungsbedürftigkeit bei. Außerhalb des einstigen Schonraums Sonderschule „kommen viele Förderschüler unter Druck“, beobachtet die Medizinerin aus Preetz.

Der Sprecher des Bildungsministeriums, Thomas Schunck, hält dagegen: „Die Eltern wünschen sich eine inklusive Beschulung ihres Kindes an der Regelschule. Die Förderzentren unterstützen die Schüler dort.“ Ein Gutachten empfehle, in den kommenden Jahren 493 Stellen mehr für die Inklusion zu schaffen. Dem wolle sein Haus folgen. Interview Seite 9

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erstellt am 19.Feb.2017 | 19:14 Uhr

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