Leidenschaft allein reicht nicht

Lächeln können Gisela und Fredy Müller noch, denn sie hoffen, dass nach der WM wieder mehr Besucher ins Kino kommen.
Lächeln können Gisela und Fredy Müller noch, denn sie hoffen, dass nach der WM wieder mehr Besucher ins Kino kommen.

Gisela und Fredy Müller betreiben seit sechseinhalb Jahren das Kino / Große Sorgen wegen Besucherzahlen / Ausschuss lehnt Förderung ab

shz.de von
12. Juli 2018, 00:52 Uhr

Was wäre Eutin ohne Kino? Wem die Antwort auf diese Frage nicht ganz egal ist, sollte demnächst mal wieder den Weg in die Königstraßenpassage finden. Das zumindest wäre der Wunsch des Betreiber-Ehepaares Gisela und Fredy Müller. Die Besucherzahlen seien seit den ersten Sonnenstrahlen im Mai stark zurückgegangen. „Wenn wir am Tag eine handvoll Besucher haben, ist das gerade schon viel“, sagt Gisela Müller. Der Sommer, die Weltmeisterschaft und die Streaming-Dienste wie Amazon-Prime und Netflix seien wohl Gründe für den Rückgang.

„Bei der letzten WM war der Einbruch nicht so stark. Aber ein kleiner Trost ist, dass es der gesamten Branche schlecht geht“, sagt Fredy Müller. Der 74-Jährige ist Kino-Fan mit Leib und Seele. Fast zu viel, findet seine Frau, denn er habe bereits acht Stents, müsste eigentlich dringend zur Reha, doch dass sei „gerade nicht drin“. Die beiden teilen ihre Leidenschaft fürs Lichtspielhaus seit vielen Jahrzehnten. Er half als kleiner Junge im Bredstedter Kino aus, arbeitete sich von der Süßwarenabteilung über den Kassierer letztlich zum Kino-Betreiber vor. Auf Sylt, in Sankt Peter-Ording und Eckernförde haben sie insgesamt fast 40 Jahre Kino gemacht. „In Eckernförde lief das super, doch nachdem das Haus, in dem unser Kino war, zwangsversteigert wurde, mussten wir raus. Das war keine schöne Zeit ohne Kino“, erinnert sich Fredy Müller.

In Eutin suchten sie damals gerade jemanden, die Müllers bewarben sich und sorgten dafür, dass die Kreisstadt Ostholsteins nur etwa sechs Monate ohne Kino auskommen musste. Vor sechseinhalb Jahren eröffneten sie das „Cine-Royal“, tauschten veraltete Technik gegen moderne digitale 3-D-Anlagen und renovierten das Kino mit insgesamt rund 200 Sitzplätzen – und Verzehrklingel. Eine liebgewonnene Rarität in heutigen Lichtspielhäusern. „Einige verwechseln es anfangs mit dem Lichtknopf, aber dann machen wir einen Spaß draus und sagen: ‚Beim nächsten Mal kostet das ’ne Runde.‘“, sagt Gisela Müller.

Weggeschickt würde nie ein Gast, „wir spielen auch für eine Person, das machen andere nicht“, sagte Müller. Und gerade die Gewissheit beschwere den ein oder anderen Stammgast aus Schwartau oder dem Hamburger Randgebiet, da der Film auf jeden Fall gezeigt werde. Aber kleine Personengruppen seien mittlerweile keine Seltenheit. „Eutin scheint da ein schwieriges Pflaster“, meint Gisela Müller. Anfangs und bei im Fernsehen beworbenen Blockbustern, sei es gut besucht worden, doch nie richtig vergleichbar mit ihrer letzten Spielstätte in Eckernförde. Weil die Müllers der Vereinigung der Lichtspielhäuser angehören, bekommen sie auch für das kleine Eutiner Kino mit nur zwei Sälen die großen Filme. Doch die Disponenten schauten schließlich auch auf die Besucherzahlen und je weiter die zurückgehen, desto schlechter.

Im jüngsten Kulturausschuss sprachen die Müllers deshalb im nicht-öffentlichen Teil vor, baten um eine pauschale Fördersumme von 10 000 Euro, weil sie selbst seit Jahren mehr als zubutterten. Ein großer Teil des Erlöses vom Haus der Schwiegereltern sei ins Kino geflossen. Der Ausschuss habe die Fördersumme, zu deren Höhe Fredy Müller von der Verwaltung geraten wurde, abgelehnt. Er solle ein Konzept vorlegen. „Aber ich bin kein Bäcker oder Fleischer, der seine Wurst oder Brötchen ändern kann. Ein Kino zeigt Filme, da kriegen wir schon die guten, haben alles auf 3D umgestellt, was soll ich noch verändern?“, sieht sich Müller überfordert mit der Frage. „Wir hatten uns ein bisschen Unterstützung erhofft, das Kommunale Kino wird ja auch gefördert. Beim Gespräch mit der Verwaltung wurde uns gesagt, ‚erstmal 10 000 Euro beantragen, runterverhandeln ginge immer noch‘“, erinnert sich Müller. Doch die Idee der Verwaltung teilten die Ausschussmitglieder offenbar nicht. Auch am Eintrittspreis könne er nicht weiter schrauben, „das können sich die Menschen hier dann gar nicht mehr leisten“, sagt er. Sieben Euro kostet ein Film an normalen Tagen, Dienstags ist Kino-Tag, dann fünf. Drei Euro mehr, wenn der Film in 3D ist. Nun hofft das Paar, dass die großen Filme, die die Verleiher wegen der Fußballweltmeisterschaft zurückgehalten haben – ob mit Tom Cruise oder Til Schweiger – für ein Plus an Kino-Besuchern sorgen.

Mit sieben oder acht Leuten sei nicht einmal die Pacht einzuspielen, da ist der eine Filmvorführer sowie die Reinigungskraft und der Filmverleih noch nicht bezahlt, rechnen die Betreiber vor, die den Rest alleine machen – sieben Tage die Woche. Auch das seien Vorgaben der Filmindustrie: „Will ein Kino große Filme haben, muss es die drei Wochen lang spielen, ob sie laufen oder nicht und ein oder zwei Tage in der Woche schließen, dass geht nicht“, sagte Gisela Müller. Sie versuchen bis zum Ende des Pachtvertrages – längstens dreieinhalb Jahre – durchzuhalten, wie die beiden sagen. Aber ändere sich bis dahin nichts an den Besucherzahlen, sehen sie schwarz für Eutin, dass sich danach ein neuer Betreiber finde.

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