zur Navigation springen

Eutin : Leere Läden– Problem einer Kleinstadt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nachfolgesorgen, horrende Mieten und schwer erreichbare Immobilieneigentümer machen Eutin zu schaffen. Doch von einer sterbenden Innenstadt kann keine Rede sein.

Bäckerei, Leerstand, Leerstand. Ein Stück weiter das gleiche Bild: Billigshop, Leerstand, Leerstand. Und das in der Hauptgeschäftsstraße Eutins. Wer durch die Fußgängerzone bummelt, dem bleibt nicht verborgen, dass die Rosenstadt das Schicksal vieler Kleinstädte längst ereilt hat. Wo sich einst mehrere Geschäfte ein Haus teilten, ist heute mit Glück ein Laden pro Gebäude. Woran krankt eine Stadt, die mit ihrer historischen Seite in jedem Reiseführer punktet, als ein Idyll direkt zwischen Seen und Wäldern gelegen?

Dass etwas getan werden muss, hat auch Eutins Verwaltungsspitze erkannt: Seit 2013 gibt es Kerstin Stein-Schmidt, die als Stadtmanagerin das Schiff wieder auf Kurs bringen soll. „Leerstand will keiner: weder die Bürger, noch die Kaufmannschaft und die Stadt am allerwenigsten.“ Als eine ihrer ersten Amtshandlungen führte sie das sogenannte Ladenflächenmanagement mit einer Ladenbörse ein. Online können sich hier Suchende mit Geschäftsideen informieren, was Vermieter anbieten. Etwa 20 Geschäfte sind derzeit leer, zwölf davon sind im Netz zu finden, der Rest laufe über direkte Kontakte „beinahe täglich“. Doch es sei ein langwieriges und zähes Geschäft. Die Hauptprobleme: Utopische Mietvorstellungen, schwer erreichbare Eigentümer oder wie im Fall der Objekte in der Peterstraße, Verwaltungsgesellschaften, bei denen der Name Programm ist. Stein-Schmidt: „Ihr Ziel ist es, zu verwalten, nicht zu vermieten. Da erreicht man als Stadt gar nichts.“ Zum Jahreswechsel sind die Objekte in der Peterstraße 2-4 und 5-7 in einem Gesamtpaket von 370 Immobilien laut Stadtmanagerin von CR Investments gekauft worden: „Das lässt zumindest hoffen.“ Der bisherige Tenor im Kontakt zwischen Neueigentümer und Stadt lautet: „Wir wollen die Immobilien in drei bis vier Jahren fit für den Markt machen.“ Was das genau heißt, bleibt offen.


Hauptproblem: horrendeMieten


Doch was ist mit dem restlichen Leerstand in Eutin? Erst vor zwei Wochen zog „Villa fabelhaft“ aus der 1a-Lage am Markt. Laut Stein-Schmidt ist der Mietvertrag ausgelaufen und das Oldesloer Unternehmen will sich neu aufstellen. Doch gerade die horrenden Mieten seien in Kleinstädten wie Eutin immer noch eines der größten Probleme, wie Manuela Dürrer, Sprecherin des Einzelhandelsverband Nord bestätigt. Angemessen sind laut Stein-Schmidt in 1a-Lagen wie der Peters- und der Königstraße rund 20 Euro pro Quadratmeter, sonst 10 bis 15 Euro – wenn der Sanierungszustand stimmt. Aber es gebe Vorstellungen, die weit darüber lägen. „Es sind Mieten, die einst bedient werden konnten, die heute aber nicht mehr zeitgemäß sind“, sagt Dürrer. Ein Grund hierfür: „Die Eigentümer sind oft gar nicht mehr vor Ort, können die Lage nicht einschätzen und haben aufgrund der Entfernung zur Immobilie gar kein Verantwortungsgefühl für die Stadt oder Region“, sagt Dürrer. In solchen Fällen verkommen Immobilien – wie in der Peterstraße und andernorts. Der Stadt sind die Hände gebunden. Stein-Schmidt: „Handeln können wir erst, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht, aber davon sind wir weit entfernt.“ Sie schlägt stattdessen Zwischenlösungen wie in der Lübecker Straße vor: Kunst verziert hier bis zur nächsten Geschäftsidee die Fenster.


Online als Chance begreifen


Ist der Online-Handel ein Problem für die Ortsansässigen? WVE-Sprecher Klaus Hoth sagt „ganz klar ja“. Für Manuela Dürrer vom Einzelhandelsverband Nord ist das zu einseitig: „Zwar finden derzeit schon zehn Prozent der Verkäufe im Internet statt und die Tendenz ist steigend. Aber das Problem des Einzelhandels ist nicht monokausal sondern vielfältiger.“ Die Käuferstruktur sei heute schwerer kalkulierbar als früher. Hinzukomme das Nachfolgeproblem bei zahlreichen inhabergeführten Geschäften, wie es sie in Eutin noch gibt. Von 169 Betrieben sind laut WVE schätzungsweise 70 bis 80 Prozent noch in eigener Hand, dazwischen Filialisten. Dürrer: „Gerade die älter werdenden Traditionalisten wagen den Schritt ins Netz oft nicht und tun sich schwer, die wachsende Bedeutung von einer guten Online-Präsenz zu akzeptieren.“ Doch Dürrer ist überzeugt, dass es ohne nicht mehr geht. Es müsse ja nicht immer gleich der eigene Online-Shop sein, aber ein Hinweis auf das Sortiment und den besonderen Service neben der bloßen Adresse sei in der digitalen Welt wichtig, um wahrgenommen zu werden. Studien belegen: Viele Kunden vergleichen im Netz, bevor sie vor Ort kaufen. Dürrer: „Zu jedem Trend gibt es einen Gegentrend. Der Handel muss seine Chance vor Ort sehen, die Region als Stärke wahrnehmen und spielen.“ Genau das versucht der kleine Zusammenschluss von 24 Ladeninhabern unter „Händler mit Herz“.


Es braucht die Kleinen und die Großen


Mitnichten wollen sie ein Konkurrenzangebot zur WVE sein, in der die Mehrheit der Eutiner Kaufleute – darunter auch einige „Händler mit Herz“ – organisiert ist. Aber es gibt Kaufleute kleinerer Geschäfte, die sich in der WVE neben ortsansässigen Platzhirschen nicht immer gehört fühlen oder Traditionen als „Neuankömmlinge“ hinterfragen. Zündstoff bietet da die Diskussion um verkaufsoffene Sonntage: „Es kann einfach nicht sein, dass wir an einem Wochenende mit Veranstaltungen im Schloss oder einem Ostereiermarkt im Museum nicht öffnen“, sagt eine Mitarbeiterin eines kleinen Fachgeschäfts. „Eine Innenstadt macht doch gerade das Flair aus, überall bummeln zu können, bei den Kleinen und den Großen, und dazwischen in Cafés zu pausieren“, sagt ein Händler mit Herz: „Wir Kleinen können nicht ohne die Großen, aber andersherum geht es eben auch nicht.“

Sonntage hin oder her – auf online kann dennoch keiner verzichten. Einige Eutiner Händler haben sich ihr Online-Standbein schon aufgebaut. Stefan Knorr vom Fachgeschäft Weingeist ist seit fünf Jahren aktiv im Netz: „Bei uns liegt das auch daran, dass wir unter unseren Stammkunden viele Urlauber haben.“ Früher riefen sie an, wenn der Vorrat sich neigte, der Urlaub aber noch nicht in Sicht war. Heute läuft das Online. Und: „Für uns lohnt sich der Druck eines Sortimentkatalogs nicht, deshalb sind wir damals auch ins Netz gegangen. Hier kann jeder sehen, was wir anbieten.“

Dass es auch umgekehrt geht – vom Online-Shop in den eigenen Laden, zeigt Thorsten Jürries. Der Modemacher für Kiter und Surfer belebt ab Mai die Ladenzeile Am Rosengarten beim Durchgang zu Strucks. Jürries: „Eutin ist einfach ein toller Standort zwischen Hamburg und Lübeck.“ Online brauche er dennoch, da er in fünf Ländern mit seinen Kollektionen auf dem Markt ist. Doch die Präsenz vor Ort sei wichtig.

Dass es nicht nur Einzelhandel sein muss, der die Innenstadt mit Leben füllt, zeigt das zweite Kinderbetreuungsprojekt in der Lübecker Straße. Hier hat sich ein neues „Kindernest“ vom Kieler Verein Pädiko angesiedelt, das Kinder bis drei Jahre vorrangig für Bundeswehrangehörige betreut (siehe Meldung). Stein-Schmidt sieht das als guten Anfang. „Es passiert ganz viel und es wird sich noch ganz viel verändern. Doch dafür brauchen wir die Stadtsanierung und die LGS.“

 

 

 

 

 

 

 


zur Startseite

von
erstellt am 20.Apr.2015 | 04:22 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen