Leben bietet keine Abkürzungen

Zeruya Shalev (Mitte) wurde bei der Lesung von der Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader (rechts) und der Journalistin und Autorin Sabine Kray unterstützt.
Zeruya Shalev (Mitte) wurde bei der Lesung von der Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader (rechts) und der Journalistin und Autorin Sabine Kray unterstützt.

Die israelische Autorin Zeruya Shalev erlaubt ihren Protagonisten kein leichtes Leben / Das Eutiner Publikum weiß das zu schätzen

shz.de von
05. August 2018, 17:06 Uhr

Für nur drei Termine im aktuellen Literatursommer Schleswig-Holstein mit dem Länderschwerpunkt Israel war die bekannte israelische Autorin Zeruya Shalev nach Deutschland gereist. Nach Lesungen in Lübeck und Kiel fand eine am Sonnabend im fast vollbesetzten „Binchen“ in Eutin statt. Begleitet wurde Zeruya Shalev von zwei Frauen: Der Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader, die 2007 das Shalev-Buch „Liebesleben“ verfilmte und nun die deutschen Passagen aus ihrem neuen Roman „Schmerz“ las, und der Journalistin und Autorin Sabine Kray, die übersetzte und den Abend gekonnt moderierte.

Mit leiser Stimme beginnt die zierliche Autorin aus ihrem Roman auf Hebräisch vorzulesen, damit man einen Eindruck des Klangs ihrer Stimme und der Sprache bekommt, bevor sie die Fragen von Sabine Kray beantwortet. Eindringlich liest Maria Schrader diesen Text, der keine einfache Lektüre ist, handelt er doch von vor Jahren selbst erlebtem Schmerz durch ein Attentat, bei dem die Autorin schwer verletzt wurde, verwoben mit einer ebenfalls schmerzhaften Liebesgeschichte. So ist das in ihren Romanen, Politisches verbindet sich mit Persönlichem und Fiktionalem. Und immer auch mit etwas Autobiographischem.

Dabei ist ihr bis heute der Prozess des Schreibens ein Mysterium geblieben; sie weiß am Ende eines Buches nicht, woher die Ideen gekommen sind.

So hatte sie über den erlebten Anschlag niemals schreiben wollen, aber nach mehr als einem Jahrzehnt ist er zu einem wesentlichen Teil ihres neuen Romans geworden.

Auf die Frage, was sie veranlasst hat, der schon durch diesen Schmerz gebeutelten Protagonistin auch noch den Schmerz ungelebter Liebe aufzubürden, sagt sie, dass sie ihren Hauptfiguren kein leichtes Leben erlaube. Sie erzählt, dass sie ihre achtjährige Tochter einmal weinend am Computer vorgefunden habe. Auf die Frage nach dem Grund der Tränen habe sie geantwortet, dass ihr ihre Hauptakteurin so leid tue. Dem Einwand ihrer Tochter, sie selbst könne es derjenigen doch leichter machen, begegnete sie mit der Einsicht, es gebe im Leben und in Geschichten keine Abkürzungen und bis Schmerz am Ende zu Wachstum führe, müsse eben jeder Schmerz erfahren werden.

Auch über zweite Chancen im Leben erzählt sie und erwähnt eine Geschichte aus dem Talmut, nach der zwei Wesen, am Rücken miteinander verbunden, erst getrennt sein müssen, um einander erkennen zu können. Viel Stoff für nicht einmal anderthalb Stunden.

Was macht der Erfolg mit ihr? Gar nichts, sie sei sehr dankbar dafür, aber es blieben immer die gleichen Fragen, die gleiche Unsicherheit, denen sie sich beim Schreiben stellen müsse und die sie zwängen, in seelische Tiefen vorzudringen. Das Publikum machte keinen Hehl daraus, wie sehr es dies schätzt.

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