Eutin : Langer Weg der Integration: Ayman Al Hallak hilft Berufsschülern beim Deutschlernen

Ayman Al Hallak unterrichtet seit fast vier Jahren an der Kreisberufsschule.
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Ayman Al Hallak unterrichtet seit fast vier Jahren an der Kreisberufsschule.

Vor sechs Jahren ist der syrische Diplompädagoge nach Deutschland geflohen. Heute gibt er Alphabetisierungskurse in Eutin.

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15. September 2020, 14:10 Uhr

Eutin | „Seit drei Tagen bin ich eingedeutscht“, wenn Ayman Al Hallak das sagt, muss er selbst schmunzeln. Einerseits hat er ein großes Ziel erreicht: Der studierte Diplompädagoge aus Syrien hat so viel Deutsch gepaukt und immer wieder an den entscheidenden Stellen seine Motivation bekundet, dass er heute – sechs Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland – einen Job hat, mit seiner Frau in einer eigenen Wohnung lebt und er die Gewissheit hat, in Deutschland bleiben zu können. Andererseits ist ein Teil seines Alltags mit vielen Gedanken und Sorgen um die Lieben in der verlassen Heimat gefüllt. So wie ihm geht es vielen in der syrischen Community, sagt er.

Der Traum vom „Land der Möglichkeiten“ knallte in Eutin auf den Boden den Boden des Lindenbruchredders

Ayman Al Hallak war im Sommer 2014 nach Eutin gekommen und – wie viele Flüchtlinge – im Lindenbruchredder gelandet. Der Ostholsteiner Anzeiger berichtete damals, unter welchen katastrophalen Zuständen die Menschen in den Baracken aus den 60ern untergebracht wurden. Einmal im öffentlichen Fokus schauten auch Verwaltung und Politik genauer hin, änderten, was in der Kürze der Zeit mit der Begrenzung der Mittel möglich war. Ein Grundproblem jedoch bleibt, das schildern Flüchtlinge, die heute noch dort wohnen ebenso, wie die, die froh sind, den Absprung in Sprachkurse und die eigenen vier Wände geschafft zu haben: „Die Nachbarn sind schwierig. „Reden können wir mit den Deutschen nicht. Die sind den ganzen Tag betrunken, spritzen sich Drogen oder schreien nachts rum.“ Die Unterbringung verschiedener Nationalitäten und Religionen auf engem Raum sei ein zweites Thema.

Nur die eigene Motivation und der unentwegte Wille, endlich Deutsch zu lernen, ermöglichten ihm Job und eigene Wohnung

Wie hat der heute 38-Jährige den Absprung von Eutins schlechtester Adresse in Richtung Integration geschafft? „Ich bin jeden Tag bei Herrn Wille vom Kreis Ostholstein gewesen und habe immer und immer wieder nach Sprachkursen gefragt.“ Im Herbst hatte er endlich eine Zusage für einen Kurs in Lübeck. Seine Freude darüber sei groß gewesen, denn heute wie damals wisse er: „Die Chance, sich zu integrieren ist eng verbunden mit der Sprache.“ Das sage er auch seinen Schülern im Alphabetisierungskurs in der Kreisberufsschule immer wieder, wenn diese pubertätsbedingt oder aus anderen Gründen mal die Motivation verlieren. „Sie fragen mich oft, wie ich das hier geschafft habe“, sagt er und liefert die Antwort gleich mit: „Wenn ihr die Sprache lernt, könnt ihr euch unterhalten, Kontakte knüpfen und lernen, wie das System hier funktioniert.“

Ohne Ehrenamtler sei das bürokratische, deutsche System als Flüchtling nicht zu schaffen

Das deutsche „System“ sei so überfrachtet mit bürokratischen Herausforderungen, dass er immer noch dankbar ist, für jede Hilfe von Ehrenamtlern, Sophia Schutte (VHS-Dozentin und dann Flüchtlingskoordinatorin) und Christoph Horst-Paaschburg (Sozialarbeiter der Stadt). Haben seine Schüler heutzutage eine Frage, weiß Al Hallak meistens, welchen Rat er geben kann. „Wir saßen vorher im gleichen Boot, ich kann viele ihrer Gefühle und Fragen verstehen und verstehe, welche Schwierigkeiten sie mit der fremden Sprache haben.“ Er selbst hatte Französisch und Englisch studiert, bevor er sich für die Flucht nach Deutschland – „Ein Land, in dem ich mehr Möglichkeiten für mein Leben habe“ – und gegen die Teilnahme im syrischen Krieg entschied. Doch weder Englisch noch Französisch halfen ihm im Flüchtlingsalltag vor sechs Jahren in der ostholsteinischen Provinz.

Sehnsucht nach seiner Tochter, keine Antwort aus der Botschaft

Die Zeit im Eutiner Lindenbruchredder und zuvor in Zelten Hamburgs ließen ihn an der Richtigkeit seiner Entscheidung zweifeln. „Es waren harte Monate. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass ich so eine schwierige Zeit in Deutschland durchmachen müsste. Aber Gott sei dank ist das vorbei“, sagt er. Sein sehnlichster Wunsch ist damals wie heute seine mittlerweile achtjährige Tochter zu sich zu holen, endlich mit ihr zusammen leben zu können. Sie war ein Kleinkind, als er floh, ihre Mutter starb im Kindsbett. Seine Schwester hat die Rolle der Mutter für das Mädchen übernommen und lebt gemeinsam mit ihr und ihrer eigenen Familie in Jordanien. „Ich warte seit mehr als drei Jahren auf einen Termin bei der Deutschen Botschaft, frage immer wieder an, aber ich kriege einfach keine Antwort.“ Auch wenn Ayman Al Hallak weiß, dass das bürokratische deutsche System langsam sei, zermürbe ihn die Ungewissheit darüber, wann er seine Tochter endlich wiedersehen könne. Neben all dem bisher erreichten, ist das der bedeutendste Teil für ihn: die Integration als Familie.

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