Kussmund für das richtige Sprechen

Zwei Drittel der Patienten von Anka Altenrath sind Kinder. Fotos: Resthöft
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Zwei Drittel der Patienten von Anka Altenrath sind Kinder. Fotos: Resthöft

Heute findet zum neunten Mal der Europäische Tag der Logopädie statt / Doch was genau macht so ein "Sprecherzieher" eigentlich?

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06. März 2013, 03:59 Uhr

Malente | Eine kleine Plastikpfeife liegt auf dem Tisch vor Anka Altenrath. Daneben ein Luftballon, eine kleine Tröte und einige Strohhalme. Allerdings bereitet die Sprech- und Stimmlehrerin keinen Kindergeburtstag vor. Vielmehr braucht die Malenterin diese alltäglichen Gegenstände für ihre Arbeit mit Kindern und Erwachsenen mit Sprachproblemen.

Zwei Drittel ihrer Patienten sind Kinder, berichtet Altenrath. Einige seien gerade einmal zwei Jahre alt. Die meisten Kinder leiden unter einer Dyslalie, sie können also bestimmte Laute wie "K" oder "Sch" am Wortbeginn nicht aussprechen. Allerdings warnt die 56 Jahre alte Altenrath vor zu früher Panik bei Eltern: "Diese Laute müssen Kinder erst mit vier oder fünf Jahren können." Und

bei schwierigen Konsonantverbindungen wie "Kn" oder "Tr" reiche es, wenn Kinder sie im letzten Kindergartenjahr beherrschen.

Für die Arbeit an diesen so genannten Sprachentwicklungsstörungen braucht die Malenterin die Pfeife und die Strohhalme. Wenn dort hinein gepustet wird, werden automatisch die Lippen gespitzt und so die Muskeln in der Wange gestärkt. "Manchmal mache ich mit den Kindern auch einen Kussmund vor dem Spiegel oder wir essen Salzstangen, ohne die Hände zu benutzen", schildert Altenrath einige ihrer Methoden. Manchmal benutzt sie auch einen Ball. Die Bewegung des weg gestoßenen Balles soll bei den Kindern eine Assoziation mit dem Sch-Laut bilden. "Das ,K wiederum ähnelt einem kurzen, heftigen Knall. Das lässt sich mit einem schnelle Händeklatschen verdeutlichen", erklärt die Sprachlehrerin. Wie lange die Behandlung dauert, ist von Kind zu Kind unterschiedlich. Am Ende aber stehen fast immer konkrete Ergebnisse. "Genau das mag ich so an meiner Arbeit", sagt Altenrath. Jeder Patient sei anders und dadurch sei auch ihre Arbeit sehr vielseitig.

Ebenso vielseitig wie die Probleme, mit denen die Patienten zu Altenrath kommen. Zu denen gehört auch das Lispeln. "Die behandelten Kinder sind allerdings schon älter", sagt Altenrath. Dabei sei Lispeln nicht nur ein soziales Problem, etwa weil Betroffene gehänselt werden. Es kann auch ganz konkrete körperliche Folgen haben. "Wenn die Zunge regelmäßig gegen die Zähne stößt, dann kann es zu Fehlbildungen des Kiefers kommen. Außerdem können Schluckfehler auftreten", erklärt Altenrath.

Seit zwölf Jahren betreibt Altenrath ihre Praxis. In dieser Zeit seien die Probleme von Kindern mit Sprach-

entwicklungsverzögerungen komplexer geworden. "Früher hatten die Kinder Schwierigkeiten mit nur einem Buchstaben. Heutzutage haben sie darüber hinaus auch noch Konzentrationsprobleme", so ihre Beobachtung. Laut dem Deutschen Bundesverband für Logopädie erhalten inzwischen rund 20 Prozent der Sechsjährigen eine logopädische Therapie.

Welchen Rat aber hat Altenrath für Eltern, die eine Sprechstörung bei ihren Kindern befürchten? "Sie sollen sich nicht gleich verrückt machen. Am besten sprechen sie erst einmal mit einer anderen Bezugsperson der Kinder, ob die ihre Befürchtungen teilt." Generell aber ist Altenrath dafür, dass Eltern sich umfassend informieren und lieber einmal zu oft beim Fachmann nachfragen. "Das gibt ihnen Sicherheit und ist besser als zu sagen, dass wachse sich schon aus."

Der Bundesverband für Logopädie schaltet zum heutigen Europäischen Tag der Logopädie zwischen 17 und 20 Uhr eine bundesweite Expertenhotline. Sie ist unter 01805/ 353532 zu erreichen (14 Cent/Minute aus dem Festnetz)

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