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Ostholsteiner Anzeiger

11. Dezember 2017 | 09:17 Uhr

Eutin : Kurzer Prozess nach „Massenkeilerei“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Schmerzensgeld statt Urteil: Sechs Angeklagte kommen schnell davon.

shz.de von
erstellt am 19.Jan.2016 | 12:17 Uhr

Es drohte, ein Mammutprozess zu werden – zumindest für Eutiner Verhältnisse: Sieben Verhandlungstage waren am Amtsgericht für ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung gegen sechs Angeklagte angesetzt. Doch am Ende reichte dem Jugendschöffengericht gestern ein Vormittag für die Verhandlung. Vorsitzende Richterin Annette Rakel stellte die Verfahren ein.

Fünf der Angeklagten müssen jeweils 200 Euro Schmerzensgeld zahlen, gegen den sechsten wurde das Verfahren ohne Auflagen eingestellt, weil er an der Tat wohl gar nicht beteiligt war. Gegen einen siebten Angeschuldigten war das Verfahren schon vor Prozessbeginn eingestellt worden, da er unter gesundheitlichen Problemen leidet.

Die Männer im Alter von 20 bis 25 Jahren sollen laut Anklageschrift am Vormittag des 31. Mai 2013 in Eutin auf drei andere Männer eingeprügelt haben. Bei der Tat, die sich vor dem Eckgebäude von Lübecker Straße und Freischützstraße vor den Blicken entsetzter Passanten, darunter auch Kinder, abgespielt hatte, sollen die Angeklagten mit Gegenständen wie Metallstangen, Baseballschlägern und einem Hocker auf auf ihre Kontrahenten eingeschlagen haben. Blutspritzer auf der Straße zeugten von der Prügelei, die von 15 Polizisten beendet worden war. Staatsanwalt Martin Jochems listete in der Anklage zahlreiche Verletzungen auf: Schädel-Hirn-Traumata, Blutergüsse, Prellungen, eine ausgekugelte Schulter, eine Platzwunde und einen gebrochenen Daumen.

Jochems sprach von einer „Massenkeilerei“, machte aber deutlich, dass er diese lieber nicht in einer mehrtägigen Beweisaufnahme aufarbeiten wolle: „Das ist über zweieinhalb Jahre her, da kriegt man so einen Sachverhalt nicht aufgeklärt. Da hat jeder alles und nichts gesehen.“ Da keines der Opfer bleibende Schäden erlitten habe, sprach er sich für eine Einstellung des Verfahrens mit der Auflage eines Schmerzensgeldes aus und schlug 200 Euro für jeden Angeklagten vor. „Wenn das auf die drei Geschädigten verteilt würde, wäre der Gerechtigkeit genüge getan und man könnte sich eine Hauptverhandlung sparen.“

Dem schlossen sich die Pflichtverteidiger und ihre Mandanten an. Lediglich Andreas Mroß, Anwalt des ältesten Angeklagten, intervenierte. Er machte geltend, dass sein Mandant mit Hilfe von Zeugen belegt habe, dass er zum Tatzeitpunkt gar nicht anwesend gewesen sei. Dennoch sei der 25-Jährige wegen der Schlägerei drei Wochen im Gefängnis gewesen. Die vermutete Tatbeteiligung habe zum Widerruf einer Haftverschonung geführt, da er in einer anderen Sache zu anderthalb Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden sei. Im Gegenzug zu einer Einstellung des Verfahrens, bei der die Kosten zu Lasten der Staatskasse gingen, sei sein Mandant bereit, auf eine Haftentschädigung zu verzichten.

Hintergrund der Tat war nach OHA-Informationen ein geplatzter Handy-Deal. Demnach sollte einer der Geschädigten, dabei handelt es sich um drei Brüder, von den Tätern fünf Smartphones für 1500 Euro erhalten. Die bereits bezahlten Handys sollen dann aber nicht geliefert worden sein. Als die Geschädigten innerhalb einer Stunde ein zweites Mal bei ihrem „Geschäftspartner“ auftauchten, hatte der sich Verstärkung geholt. Das Bruder-Trio erblickte vor der Wohnungstür etliche Schuhe, wollte den Rückzug antreten, doch da war es schon zu spät.

Amtsrichterin Rakel versuchte den Angeklagten trotz der Verfahrenseinstellung deutlich zu machen, „dass hier in Deutschland Recht und Gesetz herrschen“. Sie mahnte: „Gehen Sie nicht mit dem Gefühl, ,ich mache in Zukunft so weiter‘“. Die Entscheidung sei aber vertretbar, weil es sich bei den Angeklagten zur Tatzeit um Heranwachsende gehandelt habe und die Tat schon so lange zurückliege.

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