Kritik: Zu wenig Zeit für Patienten

Rufmord oder berechtigte Kritik? Die Betreuung von Demenzkranken in der Eutiner Waldstraße in der Diskussion. Foto: dpa
Rufmord oder berechtigte Kritik? Die Betreuung von Demenzkranken in der Eutiner Waldstraße in der Diskussion. Foto: dpa

DRK-Pflegezentrum in der Eutiner Waldstraße bekommt sehr gute Noten für Demenzbetreuung / Trotzdem beschweren sich Angehörige

Avatar_shz von
28. Juli 2012, 08:31 Uhr

Eutin | Viele Jahre ist er mit ihr zusammen zur See gefahren. Jetzt kann Jürgen Ehlers seine 80-jährige Cousine nur noch im DRK-Pflegezentrum in der Waldstraße besuchen. Sie leidet an Demenz, kann ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen, ist auf Hilfe angewiesen. Doch die bekommt sie nach der Überzeugung von Ehlers nicht ausreichend. Der 70-jährige Eutiner erhebt schwere Vorwürfe gegen die Heimleitung. Die weist alle Beschuldigungen zurück und verweist auf Bestnoten.

"Zu wenig Betreuung"

Ehlers’ Hauptärgernis: Seit März sei die Betreuungszeit für die 16 Bewohner der Demenzstation "Schloss Eutin" verkürzt worden. Singen, Basteln, Vorlesen - das findet seiner Beobachtung nach nur noch drei Mal die Woche für 90 Minuten statt. Der 70-Jährige kommt jeden Tag ins Pflegezentrum und bemerkt: "Die zwei Stationspfleger müssen häufig die Rolle der Betreuer mit übernehmen." Doch das sei kaum möglich, weil sie mit der Hilfe beim Essen, Waschen und der medizinischen Versorgung schon ausgelastet seien. Dazu komme noch die aufwändige Dokumentation ihrer Arbeit. Verständnisvoll stellt er fest: "Die Pfleger machen einen guten Job, aber irgendwann kommt jeder an seine Grenzen."

Folgen, die Jürgen Ehlers ausgemacht hat: Windeln würden nicht häufig genug gewechselt. Bewohner liefen halbnackt über den Flur. Die Kontrolle, wie viel getrunken werde, bleibe auf der Strecke. Seine Cousine sei bereits einmal dehydriert ins Krankenhaus gekommen.

Jürgen Ehlers ist nicht der einzige, der sich ärgert. Auch Annelies Kolsch schildert, dass die Aufsicht der Bewohner durch zu wenig Personal nicht gewährleistet werde. Ihre Freundin sei schon zwei Mal mit dem Rollstuhl eine Treppe runter gestürzt. Wie die alte Dame im Rollstuhl sitzend die schwere Tür öffnen konnte, um in den Treppenaufgang zu kommen, könne keiner erklären. Doch auch für Kolsch steht fest: Es wäre nicht passiert, wenn mehr Personal da gewesen wäre.

25 Patienten pro Betreuer

Solche Vorwürfe hört Heimleiter Werner Ochmann nicht gerne. Für ein Gespräch mit dem OHA hat er Vertreter der Pflegedienstleitung, des Heimbeirates, der Sozialbetreuung und die Qualitätsbeauftragte dazu geholt. Die fünf sind sich einig: "Diese Vorwürfe grenzen an Rufmord und sind eine Beleidigung für jeden, der sich in unserem Heim engagiert."

Betreuungskräfte seien täglich morgens, mittags und abends vor Ort. Der gesetzlich geregelte Personalschlüssel von 1:25 werde eingehalten. Kein Wohnbereich sei so gut mit Betreuungskräften ausgestattet wie das "Eutiner Schloss". Das belege der Einsatzplan. 16 Bewohner würden im Demenzbereich 41,25 Stunden pro Woche betreut. Für die übrigen 46 Bewohner aller anderen Stationen blieben nur 49 Stunden.

Für weniger Menschen werde also mehr Zeit eingeplant. "Wenn sich jemand beschweren dürfte, dann sind es die Bewohner der anderen Wohnbereiche", fügt Ochmann nachdrücklich hinzu.

Heim mit Bestnote

Die Betreuungszeit im Pflegezentrum sei insgesamt in Ordnung, sagt Ochmann weiter. Erst Mitte Juni habe der Medizinische Dienst der Krankenversicherung das Pflegezentrum in der Waldstraße kontrolliert und sehr gute Arbeit bescheinigt.

Der Blick in den Transparenzbericht verrät: Zehn Bewohner wurden befragt. Auf das Ergebnis ist die Heimleitung stolz: Note 1,2. Sehr gut. Der Landesdurchschnitt liege bei 1,5 (gut).

Der Umgang mit demenzkranken Bewohnern sei mit zehn Fragen in einem extra Kapitel getestet worden. Das Ergebnis sei noch besser: 1,1.

An der Qualität dieser Kontrolle hat Jürgen Ehlers allerdings seine Zweifel. Als die Prüfer im Pflegezentrum gewesen seien, habe "Ausnahmezustand" geherrscht: "Durch die große Aufregung im Wohnbereich wurde meine Cousine zum Frühstück vergessen. Erst aufgrund meiner Anwesenheit wurde sie aus dem Bett geholt und bekam noch vor dem Mittag im Tagesraum ihr Frühstück."

Die Heimleitung sieht in Jürgen Ehlers einen Störenfried, mit dem man schon oft versucht habe, zu reden, erklärt Werner Ochmann. Doch ohne Erfolg: Die Anschuldigungen seien so ab strus, dass einmal sogar schon ein Anwalt eingeschaltet worden sei.

Einen Wechsel seiner Cousine in ein anderes Heim lehnte Ehlers ab. "Da ist es ja auch nicht besser." Pflegedienstleiter Thimo Kern erklärt: "Wir werden es nie allen Angehörigen Recht machen können, obwohl wir immer unser Bestes geben." Der Grund für viele Beschwerden sei einfach ein schlechtes Gewissen. Ein schlechtes Gewissen der Angehörigen, weil sie ihre Lieben in ein Heim gegeben haben und nicht mehr selbst betreuen.

Heimleiter Werner Ochmann ergänzt: "Wir erfüllen die von der Politik gesetzten Richtlinien sehr gut." Natürlich würde er gerne mehr Personal einstellen, gerne seinen Angestellten höhere Löhne zahlen. Aber er könne nicht.

Das versteht auch die Angehörige Annelies Kolsch: "Das Problem wird kaum hier im Heim gelöst werden können. Es ist ein politisches Problem, das an dieser Stelle sichtbar wird."

Gerade bei der Betreuung von Dementen müsse auf individuelle Bedürfnisse Rücksicht genommen werden, deshalb sei ihre Betreuung nur schwer zu kalkulieren. Kolsch appelliert: "Ein Demenzkranker ist keine Zahl".

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen