Kriegsende und Revolution – 1918 in Eutin

Weltgeschichte vor der Haustür: 200 Marine- und Infanteriesoldaten läuten am 6. November 1918 auch in Eutin das Ende des Kaiserreiches ein. Die Männer kamen mit einem Sonderzug in die Stadt. Danach sollte nichts mehr so sein, wie vorher – wie im gesamten Deutschen Reich.

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02. November 2018, 15:08 Uhr

Das Ende des Kaiserreiches zeigt sich Anfang November 1918 auch in Eutin. Der regelmäßige Bahnverkehr ruht kriegsbedingt. Aber am 6. November 1918 trifft ein Sonderzug aus Lübeck mit 200 Marine- und Infanteriesoldaten ein, die rote Armbinden tragen. Die Matrosen haben rote Bänder an der Mütze. Zunächst wird Ernst Heise in der Kieler Straße Nummer 32 (Riemannstraße), ein alter geachteter Färbermeister besucht. Er ist der Vater eines führenden Mannes im Arbeiter- und Soldatenrat in Kiel, die Soldaten geben einen Brief seines Sohnes bei ihm ab. Am Postgebäude wird der kaiserliche Adler abgeschraubt.

Die Soldaten fordern zunächst die Aufhebung des Grußzwanges innerhalb der Stadt, gleiche Verpflegung von Offizieren und Mannschaften, Entlassung der wegen Meuterei festgesetzten Soldaten und sofortige Entfernung auswärtigen Militärs aus Wilhelmshaven. Auch Zivilpersonen haben den Aufforderungen der Soldaten Folge zu leisten. An die Seite des oldenburgischen Landtages tritt ein neu gebildetes Landesdirektorium mit den Sozialdemokraten Hug, Kuhnt, Jordan und Heitmann. Ferner sind die Konservativen Dr. Driver und Tantzen und die bisherigen Minister Scheer und Graepel darin vertreten.

Während der Revolution wird das Rathaus besetzt, Bürgermeister Mahlstedt verhaftet und die Stadtverwaltung dem Soldatenrat unterstellt. Etliche Matrosen drängen in die Kaserne und arretieren alle Offiziere. Das Gerücht, dass der beliebte Bürgermeister Mahlstedt in Verwahrung genommen worden sein soll, verbreitet sich in Eutin wie ein Lauffeuer. Zahlreiche Bürger, Frauen vor allem, werden nun aktiv und protestieren gegen die Verhaftung, obwohl nicht wenige von ihnen mit den Zielen der Revolution sympathisieren. Sie verhindern nicht nur den geplanten Abtransport Mahlstedts nach Kiel, sondern auch dessen weitere Inhaftierung. Schon am nächsten Tag sieht man ihn wieder auf seinem gewohnten Arbeitsweg von der Bismarckstraße über den Langen Königsberg Richtung Markt.

Es bildet sich neben dem Soldatenrat ein Arbeiterrat, der aus Mitgliedern der SPD, nämlich den Herren Ketelhohn (Bad Schwartau), Fick (Stockelsdorf) und Hildebrandt (Eutin) besteht.

Der Arbeiterrat richtet sich im „Stadt Kiel“ ein, der Soldatenrat in der „Viktoria-Diele“. Dort sollen auch, so sagt man in Eutin, „komische Mädchen“ verkehren. Hier werden auch die Entlassungspapiere der Soldaten abgestempelt, so wie es auf den roten amtlichen Bekanntmachungen steht.

Am 7. November erscheint ein bei Struve gedrucktes Flugblatt, das die Bewohner Eutins zur Ruhe und Besonnenheit ermahnt. Man versucht damit, die drängendsten Probleme zu regeln. Große Bemühungen gelten der Sicherstellung der Ernährung. Privatwohnungen und Amtsstuben werden nach Lebensmitteln durchsucht. Auf Widerstand treffen die Matrosen dabei nicht, weder von Seiten der in Eutin stationierten Soldaten noch von Seiten der Verwaltung.

Am 7. November wird auf dem Rathaus und dem Regierungsgebäude die rote Fahne gehisst, und der aus wenigen Matrosen bestehende Soldatenrat beginnt mit seiner politischen Arbeit. Von den Beamten wird eine loyale Mitarbeit auch in der Republik erwartet. Am 9. November wird durch ein Extrablatt des „Anzeigers“ den Eutinern mitgeteilt, dass der Kaiser abgedankt hat. Einen Tag später heißt es, Wilhelm II. sei nach Doorn entschwunden. „Er wolle sich nicht von irgendwelchen hergelaufenen Kerls aufhängen lassen, das deutsche Volk sei eine Schweinebande“, so wird er zitiert. Auch im Berliner Schloss herrscht Verwirrung: zunächst ruft Philipp Scheidemann ohne Absprache mit Friedrich Ebert die Republik aus, wenig später hallt Karl Liebknechts Stimme über den Platz. Er ist zu dieser Zeit einer der bekanntesten Männer Deutschlands. Er erregt heißeste Liebe und glühendsten Hass, er ist eine Symbolfigur, aber er hat keine wirkliche Macht.

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