Krieg – und kaum jemand ahnt, wie schlimm es ausgeht

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31. Juli 2014, 11:41 Uhr

Das stand am 1. und 2.
August im Anzeiger:

Während am 1. August noch unter dem Titel „Falsche Gerüchte!“ berichtet wird, dass „eine ganze Menge von Leuten in diesen Tagen herum(gehen), mit angeblichen Informationen, und wichtigtuerisch raunte einer dem anderen die Neuigkeit ins Ohr, daß es nur noch eine Frage von Stunden sei“, lautet die Schlagzeile am 2. August: „Das gezückte deutsche Schwert – Rußland fordert uns heraus – Kriegszustand“.

Per Verordnung versetzt Kaiser Wilhelm II. das Reichsgebiet in Kriegszustand. Alle privaten und noch so dringenden Telegramme bleiben liegen, um die inhaltsschweren Worte „Krieg! Mobil!“ in das letzte Gebirgsdörfchen des Reiches zu bringen. Doch der Kriegskaiser zögert und gibt Russland noch einen winzigen Moment vor der Erklärung der allgemeinen Mobilmachung. Im Anzeiger heißt es: „Aber das Zarenreich macht sich in seiner Verblendung zum Verbündeten der serbischen Königsmörder, will ihre Bestrafung durch Österreich-Ungarn verhindern, entfesselt den fürchterlichsten Weltbrand aller Zeiten. …Wiederum, wie vor 43 Jahren, ist einer der frivolsten Kriege der Weltgeschichte gegen uns vom Zaun gebrochen.“

Durch die Erklärung des Kriegszustandes geht die vollziehende Gewalt auf den Kommandierenden General des IX. Armeekorps über, auch die Zivilverwaltung und die Gemeindebehörden haben seinen Anordnungen und Aufträgen Folge zu leisten.

In Eutin erhält Major von Forstner, der Garnisonsälteste, diese Funktion. Sofort wird die Bevölkerung davor gewarnt, den Anordnungen des Militärs Widerstand entgegen zu setzen, mit Schusswaffengebrauch wird gedroht. Der Stadtmagistrat gibt bekannt, dass die Straßenbeleuchtung in Eutin bis auf weiteres eingeschränkt wird.

Im Lokalteil des „Anzeigers“ wird aufgrund der Mobilmachung auf die Befreiung vom Aufgebot bei Eheschließungen von Angehörigen des Militärs hingewiesen. Der private Postverkehr im Reich wird besonders in den Rhein-Gebieten und in Elsass-Lothringen vorläufig eingestellt. Auch das Programm des sonntäglichen Mittagsmarkt-Konzertes trägt mit patriotischen Liedern und Märschen der allgemeinen Stimmung Rechnung.

Durch die kritische Lage sieht sich der 1. Eutiner Fußball-Klub von 1908 veranlasst, die Feier des 6. Stiftungsfestes, die im Schloß-Hotel geplant war, auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Auch die für Sonntag anberaumte Tanzmusik in der beliebten Gaststätte „Marienthal“ fällt aus. Ebenso wird die Übung der Eutiner Liedertafel abgesagt. Wenig später wird auch die Schifffahrt auf dem Eutiner See und dem Kellersee eingestellt.

Doch auch zu dieser Zeit gibt es Dinge, die ihren normalen geplanten Lauf nehmen. Drogist Otto Klug teilt der Eutiner Bevölkerung mit, dass er die von ihm seit längerer Zeit geführte „Schloss-Drogerie“ nunmehr käuflich erworben hat. Oberlehrer Alfred Rahtge beehrt sich, die Verlobung mit Fräulein Gretel Petersen, Tochter von Meta Petersen geb. Gieseke, bekannt zu geben. Und Löffler, Menke und Koch wirbt für „Strümpfe, Unterzeuge und Handschuhe“.

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