OHA-Besuch in Afghanistan 2012 : Kornkammer und Widerstandshort

Trügerisches Idyll: Char Darah  ist eine Kornkammer und Unruhedistrikt.
Trügerisches Idyll: Char Darah ist eine Kornkammer und Unruhedistrikt.

Im Unruhedistrikt Char Darah bei Kundus wurde ein spezielles Entwicklungsprogramm aufgelegt - und vorerst wieder auf Eis gelegt.

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11. Oktober 2012, 12:00 Uhr

Kundus | Es ist die Kornkammer Afghanistans. Der Fluss Kundus macht den Distrikt Char Darah im Südwesten der sehr ländlich geprägten Stadt Kundus zu einem fruchtbaren Tal, in dem teilweise drei Mal im Jahr geerntet wird. International bekannt wurde Char Darah aber nicht wegen seiner landwirtschaftlichen Qualitäten, sondern als Hort des Widerstandes gegen ausländische Truppen.

In Char Darah starben die meisten deutschen Soldaten. Und der Distrikt gilt unverändert als gefährliches Pflaster, wenn auch in jüngster Zeit die Zahl der militärischen Aktionen abgenommen hat.
Jeder Bauer kann sich in Kämpfer mit Panzerfaus verwandeln

Schwierig ist das Gelände aus militärischer Sicht wegen seiner zahlreichen Deckungsmöglichkeiten, die sich durch Gräben, Hecken und anderem Bewuchs ergeben. Da regierungsfeindliche Kräfte keine Uniformen tragen, kann sich jeder Bauer auf dem Feld theoretisch in einen Kämpfer mit Panzerfaust oder Gewehr verwandeln.

Schwierig zu fassen ist Char Darah außerdem durch eine große ethnische Vielfalt auf engem Raum. Vor allem Angehörige der Volksstämme Turkmenen, Usbeken, Tadschiken und Paschtunen teilen sich das Land, ein Wechsel der Volksgruppen vollzieht sich teilweise von Dorf zu Dorf.
Internationales Entwicklungshilfeprojekt gegründet

Für diese besonders komplizierte Region wurde ein internationales Entwicklungsprojekt aufgelegt, für das insgesamt 500.000 Dollar (etwa 385.000 Euro) zur Verfügung stehen. Als Basis zur Verteilung des Geldes wurden zehn sogenannte Cluster gebildet, also kleine Bezirke. In jedem Cluster wurde ein Sprecher gewählt, der Ansprechpartner für die Entwicklungshelfer und für den sinnvollen Einsatz des Geldes verantwortlich ist. Das Geld wird in drei Tranchen ausgezahlt, wobei jede Zahlung an Bedingungen geknüpft ist.

Die Wünsche zur Verwendung des Geldes in den Clustern waren sehr unterschiedlich. Vor allem Straßenbau und -befestigung sowie Bewässerung standen auf der Liste, aber auch - für Afghanistan revolutionär - der Bau einer Abwasserleitung.

Was sehr hoffnungsvoll begonnen hatte, ruht allerdings seit einigen Wochen, nachdem es in Kundus Demonstrationen gegen des Mohammed-Schmähvideo gegeben hat. Die Char-Darah-Cluster gehören zu den Projekten, bei denen es ein ganz großes Fragezeichen gibt, wie sie nach dem Abzug der internationalen Truppen weitergehen sollen. Freilich muss man sagen, dass dieses Fragezeichen für ziemlich alles in dem Land gilt.

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