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Ostholsteiner Anzeiger

19. Oktober 2017 | 10:04 Uhr

Malente : Koreaner kaufen jetzt bei Kendrion

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Das Malenter Unternehmen musste zwar einen Rückschlag hinnehmen, gewinnt mit seinen Produkten aber auch neue Kunden

shz.de von
erstellt am 10.Nov.2015 | 15:21 Uhr

Das Vorführgerät sieht unscheinbar aus: ein silberfarbener Schrank, auf dem eine Glasplatte montiert ist, über der sich ein Touchscreen befindet. Auffällig ist nur das Rohr, das wie ein Auspuff aus dem Schrank herausragt. So richtig auffällig ist allerdings, was – quasi auf Knopfdruck – an Geräuschen aus dem Rohr herauskommt. Wer Augen schließt, meint, den Sound eines dicken Motors zu hören.

Mit dem „Demonstrator Sound“ genannten Vorführgerät präsentiert der Malenter Technologie-Zulieferer Kendrion Kuhnke eines seiner gefragtesten Produkte: die sogenannten Sound-Aktoren. Erstmals wurden sie im Audi TT eingebaut, mittlerweile sind sie in der gesamten Autobranche gefragt: „Wir liefern die Aktoren für 50 verschiedene Fahrzeugvarianten verschiedenster Hersteller“, sagt Ronny Splettstößer, Prokurist bei Kendrion Kuhnke Automotiv.

Mit seinem Produkt hat das Unternehmen das Passende für einen Markt im Wandel. Da die Motoren immer kleiner werden, wird ihr Sound elektronisch modelliert – damit ein Sportwagen auch künftig nach Sportwagen klingt. Auch für Elektro- und Hybridfahrzeuge bietet sich die Technologie aus Malente an.

Doch die Malenter Firma, die im Mai 2013 ihre Eigenständigkeit verlor und in den Kendrion-Konzern eingegliedert wurde, musste auch einen Rückschlag hinnehmen. Für die Lieferung einer Kraftstoffpumpensteuerung hat ein wichtiger Kunde sich einen zweiten Anbieter ins Boot geholt, um unabhängiger zu werden. „Seit Mitte 2014 sind die Aufträge zurückgegangen“, berichtet Splettstößer. Das hatte unmittelbare Folgen für die Beschäftigten: Kendrion Kuhnke sprach zehn betriebsbedingte Kündigungen aus. Jetzt arbeiten in Malente noch 450 Mitarbeiter, davon 31 Auszubildende und Studenten.

Seit Kuhnke zu Kendrion gehört, wird das Thema Produktivität noch größer geschrieben, macht Splettstößer deutlich. „Wir müssen jetzt eine andere Ergebnis-Orientierung haben.“ Kendrion werde immer wieder versuchen, zu optimieren, dabei liege der Schwerpunkt auf der Weiterbildung von Mitarbeitern. In den Standort investiert das Unternehmen jährlich zwei bis drei Millionen Euro – für die Fertigung neuer Produkte, Werkzeuge, Laborausrüstungen sowie die IT- und Gebäudeinfrastruktur.

Der Anspruch an die Produktivität wird sicherlich durch den bevorstehenden Führungswechsel an der Konzern-Spitze nicht kleiner werden. Piet Veenema, der die Kuhnke-Akquisition maßgeblich vorangetrieben hatte, geht von Bord. An seiner Stelle übernimmt am 1. Dezember Joep van Beurden das Ruder bei Kendrion. Derzeit trägt Kendrion Kuhnke mit seinem zweiten Produktionsstandort in Rumänien mit 110 Millionen Euro knapp ein Viertel zum Kendrion-Gesamtumsatz von rund 450 Millionen Euro bei.

Das zweite große Thema neben dem Motoren-Sound ist der Sitzkomfort. Mit Hilfe pneumatischer Ventile können sich mittlerweile nicht nur Fahrer von Luxuslimousinen während der Fahrt von ihrem Sitz massieren lassen. Die Technik habe inzwischen auch ihren Weg in den Nutzfahrzeugbereich gefunden, sagt Splettstößer. Hier will Kendrion Kuhnke einen Wandel vom Komponenten- zum Systemlieferanten vollziehen. Künftig sollen nicht nur Ventile geliefert werden, sondern auch die dazugehörige Steuerung, erläutert Splettstößer.

Besonders stolz ist man bei den Ostholsteinern, dass inzwischen auch ein koreanischer Autohersteller zu den Kunden gehört und Sound-Aktoren für seine Fahrzeuge aus Malente bezieht. „Das sehen wir als Erfolg, weil der Marktzugang dort sehr schwer ist“, sagt Splettstößer. Auch in Nordamerika seien die Kendrion-Kuhnke-Produkte jetzt gefragt. Für Splettstößer und Robert Lewin, Geschäftsführer bei Kendrion Kuhnke Automation, ist dies ein Vorteil der Kendrion-Vertriebsstruktur, die den Malentern jetzt zur Verfügung steht. „Früher sind wir für ein Meeting in die USA geflogen. Heute kann der Kunde bei uns in den USA vorbeischauen“, sagt Lewin.

Chancen in Übersee rechnet sich Lewin auch mit einer Neuentwicklung aus, die in seinen Verantwortungsbereich fällt. Ein sogenanntes mediengetrenntes Magnet-Ventil, das beispielsweise in Dialysegeräten, aber auch bei zahlreichen anderen medizintechnischen oder industriellen Anwendungen verwendet werden kann.

Wer ins Flugzeug steigt, wird übrigens auch in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit mit in Malente entwickelter Technik unterwegs sein, auch wenn er sie hoffentlich nicht benötigt: die Verriegelungseinheit zum Verschließen der Sauerstoffklappen. Der neue Langstreckenflieger A350 wird damit ausgerüstet wie bereits viele andere Airbus-Modelle. Doch auch die amerikanische Konkurrenz setzt auf Kendrion Kuhnke. „Zunehmend mehr Boeings werden mit unserem Produkt ausgerüstet“, sagt Lewin. Die 787, auch Dreamliner genannt, hat die Technik aus Malente bereits an Bord.

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