Kompetenz mit Kopftuch

Gökce Simali (links) und Betül Caliskan sind Geschwister von Hatice Aygül und arbeiten ebenfalls mit Kopftuch bei den Sana-Kliniken.
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Gökce Simali (links) und Betül Caliskan sind Geschwister von Hatice Aygül und arbeiten ebenfalls mit Kopftuch bei den Sana-Kliniken.

In der Eutiner Sana-Klinik arbeitet die junge Ärztin Hatice Aygün - mit ihrer Kopfbedeckung haben Patienten kein Problem

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29. Oktober 2011, 07:08 Uhr

Eutin | Exakt 50 Jahre ist es am morgigen Sonntag her, dass die Bundesrepublik mit der Türkei in Bad Godesberg ein Anwerbeabkommen schloss. Gegen die Absicht beider Vertragspartner fiel damit der Startschuss für die türkische Einwanderung in die Bundesrepublik. Als eines der umkämpften Schlüsselsymbole für die Schwierigkeiten zwischen Deutschen und Türken hat sich das Kopftuch erwiesen. Manche Trägerin hält es als Ausdruck ihrer religiösen Überzeugung für unverzichtbar, Gegner sehen darin ein politisches Symbol kultureller Abgrenzung, das ihnen unerträglich ist. Doch so verhärtet, wie es scheint, sind die Fronten nicht überall. Die Sana-Kliniken Ostholstein beweisen eine entspannte Haltung zu der Kopfbedeckung: In Eutin beschäftigen sie mit Hatice Aygün eine türkischstämmige Ärztin - mit Kopftuch.

Für Hatice Aygün erfüllte sich in Eutin ihr Ideal: Die approbierte Ärztin, die sich derzeit zur Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe weiterbildet, kann mit Kopftuch ihrer ärztlichen Tätigkeit nachgehen. "Es ist wichtig, diese Chance zu bekommen", erklärt die deutsche Staatsbürgerin. Um diese Chance musste sie kämpfen. Acht Monate lang war sie nach ihrer Approbation auf der Suche nach dem richtigen Arbeitgeber. Ihre Vorgesetzte, Chefärztin Dr. Regine Hegerfeld, weiß: "Wir sind die einzige von sechs Kliniken in Schleswig-Holstein, die Frau Aygün diese Chance gegeben hat." Das Kopftuch war kein Hindernis: Für die Patienten stehe in erster Linie die Kompetenz der ärztlichen Mitarbeiter im Fokus, danach kämen Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen und Empathie, erklärte Hegerfeld. All das bringe die junge Ärztin mit.

Der Krankenhaus-Konzern erfüllt mit der Beschäftigung der Ärztin auch den selbstgestellten Anspruch, den es mit dem Beitritt zur "Charta der Vielfalt" im November 2010 dokumentiert hat. "Unser Ziel dabei ist es, Vielfalt, Toleranz, Fairness und Wertschätzung in der Arbeitswelt des Krankenhauses zu fördern", erklärt Dr. Stephan Puke, Geschäftsführer der Sana-Kliniken Ostholstein. Davon profitierten beide Seiten: Fachkräfte mit Migrationshintergrund, die mit einer Einstellung eine gute Perspektive für ihre Zukunft erhalten. Und auch die Krankenhäuser. Für diese bedeute es, dass die steigende Nachfrage nach Gesundheitsleistungen auch zukünftig bewältigt und das hohe Qualitätsniveau gehalten werden könne.

Befürchtungen, dass nicht alle Patienten mit einer Kopftuch tragenden Medizinerin einverstanden sein würden, gab es auch in den Sana-Kliniken. Doch sie zerstreuten sich schnell. Die Toleranz auf beiden Seiten sei groß, erklärt Hatice Aygün. "Es spielt einfach überhaupt keine Rolle, dass ich ein Kopftuch trage, und das finde ich schön, weil es anderen Frauen Mut machen kann."

In den Sana-Kliniken und in ihrer Familie ist Hatice Aygün nicht die einzige, die anderen muslimischen Frauen in Deutschland ein Vorbild sein kann. Ihre beiden Schwestern Gökce Simali und Betül Caliskan arbeiten ebenfalls in dem Unternehmen: in der Radiologischen Abteilung der Sana-Kliniken Lübeck als Medizinisch-technische Assistentinnen. Auch sie tragen Kopftuch. Ihre Ausbildung absolvierten beide in Lübeck. Danach stand für beide Schwestern fest: "Wir wollen in der Sana-Klinik Lübeck arbeiten." Der Chefarzt, Dr. Wolfram Höche, schätzte das Engagement und das freundliche, kommunikative Wesen der beiden und zögerte nicht, Gökce Simali 2003 und Betül Caliskan 2009 einzustellen.

"Die Patienten äußern eher Interesse an der Kultur und den Gründen, warum man Kopftuch trägt, als negativ auf dieses Erscheinungsbild zu reagieren", berichtet Gökce Simali. Ihre Schwester Betül Caliskan ergänzt: "Außerdem hilft es auch türkischen Patienten, wenn das Personal die Erklärungen des Chefarztes in die eigene Sprache übersetzen kann."

Doreen Tapper macht keinen Hehl daraus, dass das Gesundheitswesen auf die Einwanderer auch angewiesen ist. "Ärzte und Pflegekräfte mit Migrationshintergrund stellen ein wichtiges Beschäftigungspotenzial für unsere Versorgung dar", bestätigt die Leiterin des Personalservice der Sana-Kliniken Lübeck. Grund sei der wachsende Ärztemangel, aber auch Fachkräftemangel in der Pflege. Dies gelte für die Sana-Krankenhäuser ebenso wie im bundesweiten Vergleich.

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