Kolumbien im Herzen, Heimat im Blick

kolumbien
1 von 5

Katharina Busch aus Eutin ist zurück. Ein Jahr lang war die 20-Jährige in Kolumbien. Und nach nur kurzer Zeit wird sie ihre Heimatstadt schon wieder verlassen – Richtung Indien. Aber danach richtet sich ihr Blick auch wieder Richtung Südamerika. Ein letztes Fazit für ein aufregendes, lehrreiches Jahr, über das die OHA-Leser regelmäßig unterrichtet wurden.

23-24686921_23-77733324_1455900605.JPG von
19. Dezember 2017, 12:44 Uhr

Hamburg, 29. August, 17.50 Uhr. Als ich mich hier vor einem Jahr von meiner Familie verabschiedete, hieß er noch „Hamburg-Fuhlsbüttel“, nun heißt er „Helmut-Schmidt-Flughafen“.

Schon auf meinem letzten Zwischenstopp in Amsterdam hat mich der Flughafen überwältigt: Alles so modern, so viele teure Läden. Ich darf das Toilettenpapier wieder ins Klo werfen und nicht in den Mülleimer. Ich bin hibbelig, laufe zwischen dem Kofferband und dem für Extra-Gepäckstücke hin und her, um weder die Ankunft meines wertvollen Koffers noch die des Surfbretts zu verpassen.

Meine Chefin hat mich am Flughafen in Cartagena noch ganz kirre gemacht, wie ich denn so verrückt sein könne, das Surfbrett eines kolumbianischen Freundes mitzunehmen. Der könnte ja wer weiß was schmuggeln wollen.

Endlich. Mein Koffer ist da, aber aufgebrochen. Na wundervoll. Ich eile zum Schalter. „Das kann leider manchmal beim Verladen passieren. Machen sie sich keine Gedanken. Woher kommen sie denn?“ „Aus Kolumbien“,sage ich mit Stolz, getrübt durch den Grund meiner Besorgnis und die leise Vorahnung auf seine Reaktion. „Oh! Na dann gehen sie besser doch mal durch den Zoll.“

Och nö. Ein Glück habe ich mich dagegen entschieden, die orange-pudrige Gewürzmischung zu importieren. Das würde jetzt sicherlich nur unnötig Verwirrung stiften. Die Zollstelle ist unbesetzt und ich laufe geradewegs in die Arme meiner Familie und engsten Freunde, die hinter der Tür schon auf mich warten.

Der Abschied aus Kolumbien ist mir sehr schwer gefallen, gerade von den Kindern aus meinen Gruppen im Kindergarten. Wer weiß, wann und ob ich sie wiedersehe und was wohl aus ihnen wird?

Es ist kalt. Ich habe meinen Herbstmantel rausgeholt, während ich die Menschen bei ein paar kraftlosen Sonnenstrahlen im T-Shirt über den Eutiner Marktplatz spazieren sehe. Die Brötchen und den Käse habe ich vermisst. Alles ist so penibel sauber und hygienisch. Wenigstens brauche ich mir nun keine allzu großen Sorgen mehr zu machen, mir beim Essen auf der Straße oder Trinken des Leitungswassers wohlmöglich Parasiten einzufangen.

Mein Zimmer erschlägt mich fast. Wofür um Himmels Willen brauche ich all diese Sachen? Das Erste, das ich am Tag nach meiner Ankunft tue, ist aussortieren. Kisten voller Bücher, Klamotten und Krimskrams bringe ich kurzerhand zum Bücherwurm und ins Sozialkaufhaus.

Ich beruhige mich und beschließe, meine Wände nicht direkt karibisch blau zu streichen und eine meditierende Frau mit lockigen Haaren an die Wand zu malen, sondern diese Wände mein Kinder- und Jugendzimmer bleiben zu lassen.

Dafür habe ich lange nicht mehr so gut geschlafen. Keine Hitze, kein Ventilator, der mehr Beschallung als Kühlung spendet, keine Mücken. Aber auch kein morgendliches Schwimmen im Meer, Sonnenstrahlen und Kinder, die mir freudig entgegenspringen und gute Laune garantieren.

Es ist schon seltsam, wieder hier zu sein. Es hat sich auf den ersten Blick nicht allzu viel verändert in Eutin. Eine Flixbus-Haltestelle gibt es immer noch nicht, dafür eine Shishabar und ein neues Restaurant für Mittagsgerichte.

Die Deutschnachhilfe für Migranten läuft nach wie vor jeden Sonnabend in der Voß-Schule. Bei einem Besuch im Redderkrug fällt schnell auf, wie viel Unterstützung noch immer benötigt wird, um den zu uns Geflüchteten bei der Integration und alltäglichen Dingen unter die Arme zu greifen. Da ich ohnehin vorhatte, bis zum Ende des Jahres hierzubleiben, um Geld zu verdienen, melde ich mich als ehrenamtliche Helferin. Ich habe gerade die Kapazität und sehe eine dringende Notwendigkeit darin, ein gemeinsames Miteinander und den interkulturellen Austausch hier vor unserer eigenen Haustür zu unterstützen. Nach meiner anfänglichen Euphorie habe ich schnell feststellen müssen, wie komplex das Thema Integration tatsächlich ist und merke, wie ich selbst an meine Grenzen komme.

Zwischendurch nutze ich meine Zeit, um einige Ecken Deutschlands zu erkunden, Freunde und Familie zu besuchen und arbeite nebenbei. Im Januar gehe ich nach Indien, um dort meine Yogalehrerausbildung zu machen. Danach beginnt mein zweimonatiges Praktikum im Welthaus Bielefeld. Ende April geht es für drei Monate zurück nach Lateinamerika, primär nach Kolumbien.

Vor kurzem war ich in Berlin auf dem weltwärts-Rückkehrseminar, danach in Den Haag. Hier, so mein Plan, werde ich vom nächsten September an studieren. Im Bereich internationale und interkulturelle Beziehungen möchte ich beruflich arbeiten, wahrscheinlich mit dem Schwerpunkt Lateinamerika.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen