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Ostholsteiner Anzeiger

11. Dezember 2017 | 07:10 Uhr

Klatsch und Tratsch anno 1857

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die Eutiner Landesbibliothek stellt eine neue Veröffentlichung vor: Das Tagebuch eines Oldenburgischen Hofbeamten

shz.de von
erstellt am 23.Feb.2016 | 17:08 Uhr

„Hatte bisher nur Gelegenheit gehabt, die Lebhaftigkeit der Königin beim Billard- und Kegelspiel und bei auswärtigen Partien hervortreten sehen, so sollte ich heute auch gewahren, mit welcher Lebendigkeit und welchem warmen überfließenden Gefühl sie ihre politischen Ansichten in der griechischen Frage verteidigt.“

Als Ministerialrat Karl Franz Nikolaus Bucholtz (Foto) 1857 in Eutin diese Zeilen in sein Tagebuch schrieb, fuhren in der Schlossstadt noch die Pferdekutschen durch die Straßen. Und Eutin war Nebenresidenz der Oldenburger Großherzöge.

Das Tagebuch von Bucholtz liefert heute wertvolle Einblicke ins direkte Umfeld der großherzoglichen Familie. Jetzt hat Dr. Wolfgang Griep die historischen Aufzeichnungen von 1857 neu editiert, kommentiert und mit einem Nachwort versehen. Herausgekommen ist ein 56 Seiten starkes Heft, das im Verlag der Eutiner Landesbibliothek erschienen ist. „Ein Kleinod, das nach Eutin gehört“, sagt Dr. Frank Baudach, Leiter der Eutiner Landesbibliothek, über die Neuerscheinung.

Im Spätsommer 1857, als Bucholtz seine Eindrücke auf Papier festhielt, genoss die herzogliche Familie die Sommerfrische in Eutin – fern von den gewöhnlichen Hofpflichten und -zwängen der Hauptresidenz Oldenburg. Da der Großherzog auch die nötigen Beamten nach Eutin zu beordern pflegte, kam auch Bucholtz hierher. Und führte eifrig Tagebuch, „in dem er sehr persönlich, sehr freimütig und äußerst amüsant das Leben und Treiben der großfürstlichen Familie glossierte“, sagt Griep. „Das Buch wäre damals ein Skandal geworden“, ergänzt Baudach. 1911 wurde es zum ersten Mal veröffentlicht, die meisten Protagonisten waren bereits verstorben. Dennoch wurden deren Namen teilweise abgekürzt, also unkenntlich gemacht. „Es sind teilweise sehr freimütige, sehr ironische Berichte“, sagt Griep, der das Tagebuch bereits vor mehr als 15 Jahren bereits ausgewertet und bereits einmal veröffentlicht hatte. Die in so genannter Kanzleischrift verfassten Aufzeichnungen, die heute in der Oldenburger Landesbibliothek archiviert sind, schildern Klatsch und Tratsch anno 1857.

„Es ist ein kurzweiliges Lesevergnügen, der herzoglichen Familie bei ihren harmlosen Spielen etwa mit Kegeln im Schlosspark, bei Wettrennen um den Ukleisee, bei ihren Besuchen und Besuchern quasi über die Schulter zu schauen“, sagt Baudach. Und es finden sich auch Berichte in dem Tagebuch, die schildern, dass damals die Königin von Griechenland (Foto), Amalie mit ihrer weitläufigen Verwandtschaft, mit ihrer Leibgarde in griechischer Tracht und nicht zuletzt mit ihrem Hofmohren in Eutin zu Besuch weilte. „Das war damals die Sensation“, sagt Griep.

Bucholtz, der der ziemlich öden Stadt laut Griep 1857 nicht besonders viel abgewinnen konnte, wurde übrigens 1871-1885 Regierungspräsident in Eutin und hat sich später hier schließlich so wohl gefühlt, dass er auch nach seiner Pensionierung hier wohnen geblieben ist.

Seine Aufzeichnungen geben nicht nur Einblick in die Tagesabläufe der großherzoglichen Familie, der Hofbeamten und Gäste. Sie zeigen auch, „dass die herzoglichen Herrschaften gar nicht so anders waren als andere“, sagt Griep und verweist auf die Freizeitaktivitäten, die damals in weiten Kreisen in Mode waren – Kegeln und Billard.

Carl Bucholtz: Erinnerungen aus dem Eutiner Hofleben 1857. Tagebuchnotizen eines Großherzoglich-Oldenburgischen Hofbeamten. 56 Seiten, acht Euro. ISBN 978-3-939643-10-4


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