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Ostholsteiner Anzeiger

22. November 2017 | 16:08 Uhr

Kindheit eines Flüchtlings im Schloss

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Erika Kaack erzählt am Sonntag um 15 Uhr von ihrer Zeit im Schloss, als neben „seiner Hoheit“ viel Elend hinter den Mauern herrschte

shz.de von
erstellt am 19.Mai.2017 | 00:49 Uhr

Erika Kaack (76) erinnert sich noch gut an die Zeit unter der englischen Zeltplane in Eutin. „Unter dem großen Baum auf dem Schlossplatz haben wir Unterschlupf gefunden“, erzählt die gebürtige Stettinerin. Das war 1945.

Dass sie heute noch lebt und von ihrer Sicht auf die Nachkriegszeit in Eutin berichten kann, verdankt sie einem Traum. Drei Nächte hatte ihre Mutter hintereinander immer wieder ihren Mann im Traum rufen hören „bring dich und die Mädchen in Sicherheit, du musst hier weg“, sagt Erika Kaack und bekommt währenddessen Gänsehaut. Die Mutter bat einen Bauern, sie und ihre beiden Töchter von Stolp, heute Polen, nach Stolpmünde zum Hafen zu fahren. „Wir waren mit dem letzten Viehfrachter gerade noch mitgekommen und als wir aus dem Hafen heraus waren, sahen wir, dass die Russen schon am Bollwerk waren“. Sie stiegen in Heiligendamm vom Schiff, holten den Bruder vom Internat und liefen die ganze Strecke bis auf wenige Buskilometer nach Eutin. „Unterwegs kam ein Krankentransport vorbei, darauf war die Schwester meiner Mutter. Sie rief: ‚Geh mit deinen Kindern nach Eutin, dort wird die Einheit deines Mannes entlassen.‘ Und so hatten wir das Ziel Eutin.“ Dort angekommen – Erika war mittlerweile gute viereinhalb Jahre, sah ihre Mutter, wie die Verhältnisse für die Flüchtlinge dicht an dicht im Rittersaal des Eutiner Schlosses aussahen. „Da geh’ ich mit euch nicht rein“, erinnert sich Erika Kaack an die Worte ihrer Mutter. Ihr zehn Jahre älterer Bruder konnte Englisch und freundete sich mit den Besatzern an. „Er besorgte uns eine große Zeltplane. Unter der wohnten wir bis zum Herbst. Dann hatte der Herzog von unserer Geschichte gehört.“ Der Herzog, so erinnert sich Erika Kaack, hatte nur die Zofe mitgebracht aber keine Köchin. „Meine Mutter konnte gut kochen und so kochte sie eine ganze Zeit für seine Hoheit und wir bekamen einen kleinen Raum nur für uns allein im Schloss. Wir waren die glücklichsten Menschen der Welt.“ Fortan begleitete der Herzog Erika bis zu ihrem Auszug 1957 aus dem Schloss und sogar bis zu ihrer Hochzeit. „Er hat mich bestärkt, mich glaubend gemacht, wenn ich will, kann ich alles schaffen.“ Das war die gute Erinnerung an die Zeit. Die traurige ist der tägliche Gang zum Bahnhof, dort wurden die Soldaten entlassen. „Zurück kamen wir immer mit langen Gesichtern. Papa war wieder nicht dabei, sagten wir dann unserer Mutter.“ Der schwerste Schritt für ihre Mutter muss 1951 gewesen sein. „Meine Mutter musste meinen Vater für tot erklären lassen, damit sie Witwen- und wir Halbwaisenrente bekamen, um leben zu können.“ 1958 bekamen sie dann vom russischen Roten Kreuz die Nachricht, dass er 1955 an Lungenentzündung gestorben ist. „Ich kann mich an meinen Vater nicht erinnern, ich war zwei beim letzten Mal sehen. Für meine Geschwister war das schlimmer.“ Die Zeit in Eutin teilt sie noch heute gern mit ihren Nachfahren, ihre Neffen aus den USA wurden in der Schlosskapelle getauft, sie fuhr mit ihren Söhnen und ihrem Mann oft an den Ort der schönen Erinnerungen zurück. „Zur Landesgartenschau zeigte ich einer Freundin, wo wir gewohnt hatten, da bekam eine Mitarbeiterin aufmerksame Ohren und deshalb komme ich am Sonntag nach Eutin und erzähle ein bisschen über die Zeit damals, als der Schlosshof für uns wie ein Spielplatz war und gleichzeitig viel Elend in den Mauern herrschte.“

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